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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Kunst in der Öffentlichkeit

»… die haben eben alle einen Inhalt!«

Skulpturen gegen die Schwellenangst. Ein Gespräch mit Eva Poll und Lothar C. Poll
Von Andreas Wessel
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Sie haben 2012 angefangen, im Rahmen des von Ihnen initiierten Vorhabens »Drei Berliner Bildhauerinnen auf dem Garnisonkirchplatz« Skulpturen im öffentlichen Raum aufzustellen. Gab es einen speziellen Anlass?

Eva Poll: Wir hatten ja dort die Galerie und haben dann gemeinsam die Idee entwickelt, dass man Figuren auf diesem Garnisonkirchplatz aufstellt, um den Platz bekannter zu machen und um den Künstlerinnen, die wir in der Galerie vertreten, Öffentlichkeit zu verschaffen.

Ihre Galerie ist ja in Westberlin gegründet worden und hat ein sehr spezielles Profil entwickelt mit realistischer Kunst und kritischem Realismus, die drei Künstlerinnen auf dem Platz haben aber alle einen »Ost-Hintergrund«. Ist das Zufall?

EP: Es gab schon zu DDR-Zeiten viele Kontakte in den Osten – wir haben Waldemar Grzimek (Vater von Sabina Grzimek, jW) und Ga­briele Mucchi (Ehemann von Genni/Jenny Wiegmann-Mucchi, jW) gut gekannt – und die haben sich ausgeweitet. Wir haben auch schon vor der Wende Emerita Pansowová ausgestellt, zusammen mit Nuria Quevedo, das ging noch über den Staatlichen Kunsthandel.

Gab es im Osten eine stärkere Bildhauertradition bei den Frauen?

Lothar C. Poll: Ja! In der Nachkriegsmoderne spielt auch die DDR immer wieder eine Rolle, wo bestimmte Dinge mehr gepflegt wurden als im Westen; das gilt für die Bildhauerei oder auch für die Fotografie und wir wollten das jetzt auch hier nach Mitte bringen, auf diesen Platz, den keiner kennt.

EP: Wir hatten aber auch am Lützowplatz (dem alten Standort der Galerie Poll, jW) schon eine Skulpturengruppe von Sabina Grzimek stehen.

Worin sehen Sie die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum, außerhalb des »Schutzraumes« von Museen oder Galerien?

EP: Viele Leute haben immer noch die sprichwörtliche »Schwellenangst« und gehen nicht ins Museum, aber wenn sie an so einer Skulptur vorbeikommen, dann gucken sie schon mal hin, und fragen vielleicht auch: »Von wem ist das?«, »Was will der Künstler damit ausdrücken?«

Bekommen Sie auch manchmal direkte Rückmeldungen vom Publikum?

EP: Am Garnisonkirchplatz hat hauptsächlich der »Lumumba« seine Fans, da kommt immer die ganze kongolesische Gemeinschaft. Er wird gepflegt, es werden Blumen niedergelegt und Kerzen hingestellt.

LCP: Der »Lumumba«, mit seiner ganzen Geschichte dahinter, die ja im Westen weniger bekannt ist als im Osten, hat natürlich auch eine Denkmalfunktion und das überträgt sich auch auf eine jüngere Generation.

EP: Auch das Andenken an Gret Palucca ist im Osten mehr gepflegt worden.

LCP: Die Gusskosten für die »Palucca« hat übrigens der am Garnisonkirchplatz ansässige DGB übernommen.

Die Skulpturen haben ja alle einen mehr oder weniger starken politischen Aspekt. Wie haben Sie die Werke ausgewählt?

EP: Das ist natürlich kein Zufall – die haben eben alle einen Inhalt! Palucca wurde angefeindet, Lumumba ermordet, und die »Sieben Gesten des aufrechten Ganges« von Sabina Grzimek sind das Ergebnis eines Wettbewerbs in Hannover im Andenken an die Göttinger Sieben, die gegen den Landesherrn protestiert haben, als er die freie Meinungsäußerung abschaffen wollte, und dafür entlassen wurden. Dazu gehörten die Brüder Grimm, die dann in Berlin gelebt und gearbeitet haben. Sabina hat dieses Thema immer weiterverfolgt und nach der Wende den Menschen gewidmet, die aufrecht gegangen sind und Haltung und Würde bewiesen haben. Interview:

Eva Poll (Foto) und Lothar C. Poll gründeten 1968 die Galerie Poll und 1986 die Kunststiftung Poll, wo heute auch ihre Tochter Nana Poll arbeitet. Eva Poll ist Ehrenpräsidentin des Landesverbandes Berliner Galerien.

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