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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Lidl-Mitarbeiter des Tages: Gerhard Müller

Von Efthymis Angeloudis
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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) informiert sich in einem Berliner Lidl-Supermarkt zu fairem Einkauf (15.3.2019)

Frisches Putengeschnetzeltes für 1,99 Euro. Schwäbische Spätzle nur 99 Cent. Da greif ich zu, dachte sich wohl Bundesentwicklungsminister Gerhard Müller (CSU), als er am Freitag die Lidl-Filiale in Berlin betrat. Für Nachtisch wäre auch gesorgt. Sogar aus »fairem Einkauf«. Seit Februar verkauft Lidl in 1.300 Filialen ausnahmslos Fairtradebananen aus Kolumbien und lässt Gerhard Müllers Herz höher schlagen. So sehr, dass er auf der Agrarmesse »Grüne Woche« im Januar die Branche aufgefordert hat, dem Beispiel von Lidl zu folgen, und sich am Freitag sogar auf einen gemeinsamen Supermarktrundgang mit Dieter Overath, dem Vorstandsvorsitzenden von Fairtrade Deutschland, und Matthias Oppitz, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung von Lidl Deutschland, gewagt hat. So viel Publicity und liebevolle Zuwendung seitens des Ministers hätte sich Lidl nicht träumen lassen können.

Das Discountunternehmen will bald komplett auf Fairtradebananen umstellen. Das ist gewiss ein nobles Ziel und wird die Bananenbauern in Lateinamerika sicherlich freuen. Immerhin zwingt der Kontrahent Aldi (auch Netto und Edeka) ecuadorianische Anbieter, eine Kiste Bananen (18 Kilo) zu 4,50 Dollar zu verscherbeln, um sie dann unter einem Euro pro Kilo hier zu verkaufen. Gerhard Müller und Lidl versuchen allerdings der Menschheit beizubringen, dass man mit Shopping tatsächlich die Welt verbessern kann. Als könnte eine Einkaufsliste, auf der Fairtradebanane statt Billigbanane steht, etwas an den Dumpingpreisen (oder -löhnen) der deutschen Großunternehmer ändern. Der Kauf einer Banane kann nicht den Mist hinbiegen, den Unternehmen und Regierungen anrichten, anscheinend möchte aber der Minister auch den weniger Betuchten, die nicht im Bioladen shoppen, eine Möglichkeit geben, sich ein reines Gewissen zu kaufen.

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