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Aus: Ausgabe vom 15.03.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Ein Fingerzeig

Der deutsche Fußball ist in der Krise. Da hilft kein Kommerz, sondern Taktik und Talente
Von Leonhard Furtwängler
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Am Boden: Erstmals seit 2006 steht kein deutscher Klub im Champions-League-Viertelfinale (Bayern München – FC Liverpool, 13.5.)

Der Katzenjammer ist groß in Fußballdeutschland: Ein Remis, fünf Pleiten, 3:17 Tore – das ist die deprimierende Bilanz der Fußballbundesligisten in den drei Achtelfinalduellen der Champions League mit den Klubs der englischen Premier League. Erstmals seit dem Jahr 2006 steht kein Verein in der Runde der besten Acht der Königsklasse. Das passt zur Gesamtentwicklung der vergangenen Monate. »Wir sind bei der WM zeitig ausgeschieden, in der Nations League abgestiegen. In der Champions League war für alle deutschen Mannschaften im Achtelfinale Schluss. Das ist ein Fingerzeig, dass wir nicht alles richtig machen«, sagte der frühere Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack bei Sky.

Sportlich ist die deutsche Eliteklasse im Vergleich zu den Ligen Englands, Spaniens und Italiens zurückgefallen. Das liegt zum Teil an den finanziellen Unterschieden. Gerade die Premier League kann ein paar Milliarden mehr investieren. DFL-Boss Christian Seifert prangerte deshalb zuletzt die Kommerzdiskussion in Deutschland an. »Diejenigen, die am lautesten und radikalsten weniger Kommerz fordern«, äußerte Seifert, wollten »den Zusammenhang zwischen nationaler Relevanz und internationaler Wettbewerbsfähigkeit einfach nicht wahrhaben.«

In Vergessenheit gerät dabei, dass das letzte sportliche Hoch des deutschen Fußballs nicht bloß erkauft wurde. Dass Borussia Dortmund und Bayern München das Champions-League-Finale 2013 unter sich ausmachten, war die Folge klugen Scoutings und taktischer Finesse. Die vom damaligen Dortmund-Trainer Jürgen Klopp mitinitiierte Pressing-Revolution im deutschen Fußball hatte einen ebenso großen Anteil daran, wie die vom kürzlich in Rente gegangenen früheren Bayern-Coach Louis van Gaal gelegten Grundlagen eines ballbesitzorientierten Positionsspiels. Die Münchner Trainer Jupp Heynckes und Pep Guardiola verbanden beide Ansätze mit großem Erfolg, Bundestrainer Joachim Löw kopierte sie klug. Derweil machte sich die Liga international einen Namen als Talentschmiede. Spieler wie Marc-André ter Stegen, Ousmane Dembélé (beide FC Barcelona), Leroy Sané, Kevin De Bruyne, Ilkay Gündogan (alle Manchester City), Naby Keïta oder Roberto Firmino (FC Liverpool) – um nur eine Auswahl zu nennen – gelangten in Deutschland zu ihrer jetzigen Topform. Auch BVB-Sportdirektor Michael Zorc betont: »Wir haben Probleme, Top-Top-Talente bei den besten Klubs herauszubringen.«

Dieses Erfolgsrezept wenden zur Zeit andere an: Ajax Amsterdam besiegte mit jungen Talenten und ansprechend-offensivem Ballbesitzfußball selbst Titelverteidiger Real Madrid. Und kann sich nun vielleicht bald gegen ein englisches Team bewähren.

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