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Aus: Ausgabe vom 15.03.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Traut, the Kraut

Marcus H. Rosenmüllers flacher Film »Trautmann« über den legendären Torwart von Manchester City
Von Gerrit Hoekman
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Magnetische Hände, gebrochenes Genick: Bert Trautmann (David Kross)

Keine Frage, der 2013 in Spanien gestorbene Bernhard Trautmann, genannt Bert, war immer ein ausgezeichneter Torhüter. Doch es war das englische Pokalfinale 1956 zwischen Manchester City und Birmingham (3:1), das den Deutschen in England zur Legende machte. Eine Viertelstunde vor Schluss brach sich Trautmann bei einem Zusammenstoß im Strafraum wortwörtlich das Genick – und spielte weiter.

Die schlimme Verletzung, die Trautmann leicht das Leben hätte kosten können, wie die Ärzte hinterher attestierten, wäre für sich alleine aber wohl kaum genug Stoff, um einen Kinofilm damit zu füllen. Es ist seine gesamte Biografie, diese verrückte Geschichte vom deutschen Feldwebel, der es 1949 praktisch aus einem englischen Kriegsgefangenenlager ins Tor von Manchester City schaffte.

Anfangs schlug ihm in den Stadien blanker Hass entgegen. Die gegnerischen Fans zeigten den Hitlergruß, wenn Trautmann einlief. Auch die Anhänger von Man City waren entsetzt, als sie erfuhren, dass ihr Verein einen Deutschen verpflichtet hatte, einen Träger des Eisernen Kreuzes. Verständlicherweise gingen vor allem die zahlreichen jüdischen Fußballfans auf die Barrikaden. Aber wenn ein Spieler für den Lieblingsklub Leistung bringt, dann sind die Anhänger überall auf der Welt bereit, fast alles zu verzeihen. So auch im Fall von »Traut, the Kraut«, wie der Torwart gerufen wurde. Erst abschätzig, später respektvoll. Der Deutsche habe »magnetische Hände«, hieß es, weil er die Bälle magisch anzog.

In den 508 Spielen für Manchester flog, fing und faustete sich der untadelige Sportler Trautmann in die Herzen der Briten. 1956 wurde er zu Englands Fußballer des Jahres gewählt – eine Ehre, die bis heute nur einem anderen Deutschen zuteil wurde, Jürgen Klinsmann.

Es gibt nicht wenige auf der Insel, die felsenfest davon überzeugt sind, dass der Bremer mehr für die britisch-deutsche Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg getan hat als alle Politiker zusammen. Dieser Meinung ist offenbar auch die Queen, die ihm 2004 den »Order of the British Empire« verlieh.

Der Film »Trautmann«, der gestern Premiere feierte und ab heute bundesweit in die Kinos kommt, erzählt überaus kurzweilig die seltsame Geschichte des Torwarts ab seinem Eintreffen als Feind und Kriegsgefangener in England. Alle Ultras müssen aber stark sein: Im Mittelpunkt steht die Romanze zwischen dem Keeper (David Kross) und einer Engländerin (Freya Mavor), die später seine Frau wird. Dank dieser rührenden Liebesgeschichte werden auch Leute den Film mögen, die es nicht so mit Fußball haben.

Andererseits nimmt die Lovestory für meinen Geschmack zu viel Platz ein, der an anderer Stelle fehlt, nämlich dort, wo es um Trautmanns Vergangenheit in der deutschen Armee geht. Trautmann kämpfte immerhin drei Jahre an der Ostfront und gehörte einer Einheit an, die sowjetische Versorgungslinien unterbrechen sollte, da gäbe es doch sicher einiges aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der für sein Werk »Wer früher stirbt, ist länger tot« 2007 den Deutschen und den Bayerischen Filmpreis erhielt, kratzt jedoch nur ein wenig an der Oberfläche. Im Lager müssen sich die Soldaten einen Film über die ­Schoah anschauen. Außerdem wird Trautmann von drei, vier Flashbacks geplagt, in denen er Zeuge wird, wie ein deutscher Offizier in der Etappe hinterrücks einen kleinen Jungen erschießen will. Trautmann fällt dem Kameraden in den Arm und verhindert den Mord. Doch schließlich erkennt der Torwart, dass diese ehrbare Version nur seinem Wunschdenken entspringt. Der Offizier schießt, der Junge stirbt und Trautmann steht wie gelähmt daneben.

Mehr Faschismus will Rosenmüller den Zuschauern anscheinend nicht zumuten. Welche ideologische Verblendung den 1923 in Bremen geborenen Trautmann getrieben haben mag, sich mit 17 Jahren freiwillig zum Kriegsdienst für die Nazis zu melden, bleibt völlig im Dunkeln. Auch warum er schon 1933 ins Jungvolk eintrat. Seine Sozialisation im »Dritten Reich« ist kein Thema.

Das wäre aber dringend nötig, um die Feindseligkeit, die ihm in den englischen Stadien entgegenschlug, angemessen zu erklären. Während der Torwart im Film als durchgehend netter, lieber Kerl ohne große Ecken und Kanten dargestellt wird, der letztendlich doch nur seine Pflicht getan hat, können die hasserfüllten Briten kaum auf Solidarität beim Publikum hoffen.

Die Figur des englischen Lagerkommandanten festigt das schiefe Bild noch. »Wenn es nach mir ginge, würden wir draußen ein Massengrab ausheben«, sagt er in einer Szene zu Trautmann, den er besonders auf dem Kieker hat. »Da bin ich aber froh, dass es nicht nach Ihnen geht«, antwortet der Torwart flapsig. Und schon wieder heimst der Deutsche gegenüber dem Briten Sympathiepunkte ein.

Unerwartete Unterstützung erhielt Trautmann übrigens vom Rabbi Alexander Altmann, der vor den Nazis nach Manchester geflohen war. Als die Feindseligkeit gegen den Torwart immer größer wurde, ermahnte der Rabbi die Anhänger von Man City, dem Deutschen eine faire Chance zu geben. Das Pathos, das sich durch den ganzen Film zieht, steigert sich in der letzten Szene zum Kitsch. Trautmann und der Rabbi geben sich die Hand: Schwamm drüber.

»Trautmann«, Regie: Marcus H. Rosenmüller, BRD/Großbritannien/Irland 2018, 120 min., bereits angelaufen

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