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Aus: Ausgabe vom 15.03.2019, Seite 15 / Feminismus
Patriarchatskritik

»Soziales Großexperiment«

Auswirkungen ungewiss: Mainstreampornos, pubertierende Konsumenten und Geschlechterrollen. Ein Gespräch mit Sandra Konrad
Von Lina Leistenschneider
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Selbstbestimmte Sexualität setzt Selbstbewusstsein voraus (Archivbild)

Sie behaupten in Ihrem Buch »Das beherrschte Geschlecht«, dass Frauen, die sich mit dem männlichen Geschlecht identifizieren, Sexismus weniger erkennen und weniger widersprechen. Wenn Frauen sich eher mit dem weiblichen Geschlecht identifizieren, reproduzieren sie dann nicht althergebrachte Rollenbilder?

Solidarität mit dem eigenen Geschlecht oder mit Menschen an sich schreibt keine Rollenbilder fest, Sexismus sehr wohl. Die Abwertung der Frau ist eine der ältesten Aufwertungsstrategien des Mannes und noch immer so verbreitet, dass es uns oft gar nicht auffällt. Der sogenannte wohlwollende Sexismus à la »Frauen müssen von Männern umsorgt und beschützt werden« wird laut Studien von vielen Frauen sogar geschätzt. Allerdings kann wohlwollender Sexismus schnell in feindlichen umkippen – immer dann nämlich, wenn Frauen von ihrer vorgegebenen fürsorglichen, warmherzigen Rolle abweichen. Wir sehen das an der Kritik an Karrierefrauen oder Feministinnen. Solange Frauen da unbewusst mitmachen, schwächen sie sich. Solange Frauen nur mit männlicher Macht koalieren, ändert sich nichts. Erst wenn wir strukturelle Benachteiligung erkennen und benennen, können Privilegien gerechter verteilt werden. Davon profitieren dann übrigens alle, auch Männer. Sie könnten dann nämlich zum Beispiel ohne gesellschaftliche Anfeindungen genauso lange Elternzeit nehmen wie Frauen.

Männer, die Pink oder Röcke tragen, werden immer noch diskriminiert. Wie deuten Sie das?

Als ein Festhalten an alten, männlichen Rollenbildern, in denen der Mann der Frau überlegen ist. Ich habe in den letzten Jahren viele Männer gefragt: Was ist eigentlich »männlich«? Neben Begriffen wie »stark« und »versorgend« kam immer auch die Antwort: »Das Gegenteil von weiblich.« Nun steht Weiblichkeit traditionell für Emotionalität, das heißt dann aber leider folgerichtig, dass Männer nicht emotional sein dürfen. Das Patriarchat ist ja nicht nur für Frauen schädlich. Bell Hooks hat es treffend beschrieben, dass der erste gewaltsame Akt, den das Patriarchat Männern abverlangt, nicht Gewalt gegen Frauen ist, sondern Gewalt gegen sich selbst – indem es Männer zwingt, eigene emotionale Anteile abzuspalten, sich selbst also emotional zu verstümmeln.

Sie verweisen auf eine Bravo-Studie, die besagt, dass 40 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen mit zwölf Jahren bereits pornographische Bilder oder Filme gesehen haben. Welche Risiken birgt das?

Im Mainstreamporno sehen wir keine Frauen, die ihre eigene Lust in den Vordergrund stellen, es geht nicht um gemeinsames Verhandeln. Im Mittelpunkt steht immer der Penis – die Lust, die Potenz und die Befriedigung des Mannes. Wir wissen heute noch nicht, was das für Folgen für die nächste Generation hat, wir befinden uns mitten in einem sozialen Großexperiment. Insofern sehe ich nicht nur Risiken für Mädchen, sondern auch für Jungs – die Bilder, die da verbreitet werden, sind ja nicht nur frauenfeindlich, der Mann kommt bei genauem Hinsehen auch nicht wirklich gut weg.

Zudem beschreiben Sie Studienergebnisse über die Auswirkung von Pornos, nach denen sexuelle Gewalt gegen Frauen als »weniger gravierend eingeschätzt« wird und es jüngere Frauen weniger interessiert, unter welchen Bedingungen Pornodarstellerinnen arbeiten. Wie sollte die Gesellschaft reagieren?

Ich würde mir schärfere Kontrollen für die Produktionsbedingungen und eine höhere Altersgrenze für Darstellerinnen bei Pornos wünschen, denn gerade mal 18jährige Mädchen werden oft zu Szenen gedrängt, die sie überfordern, schlimmstenfalls traumatisieren können.

Und ich spreche mich schon lange für mehr Aufklärung aus. Wenn Eltern und Lehrerinnen sich schämen, über Sexualität zu sprechen, übernimmt die Mainstreampornographie die sexuelle Sozialisierung der nächsten Generationen, und das wäre fatal. Sex wird im Porno und der Prostitution bis zur Unkenntlichkeit verdinglicht, groteske Rollenbilder werden transportiert, und viele Szenen sind latent bis explizit gewalthaltig und lagern sich im Unbewussten von sehr jungen Menschen ab. Es ist wichtig, Räume zu schaffen, in denen Kinder und Jugendliche über zum Teil auch verstörende pornographische Inhalte sprechen und diese einordnen können.

Sie nehmen an, dass im Kontakt mit Prostituierten stattfindet, was mit der Partnerin nicht möglich ist. Drückt die Einhaltung von Konsens in Partnerschaften Achtung aus – oder fühlen Männer sich unterlegen und leben bei Prostituierten oder beim Gelegenheitssex Macht aus?

Die Frage ist spannend, ist aber nur im Einzelfall zu beantworten. Sexualität ist nie machtfrei. Aber in der Prostitution sind die Herrschaftsverhältnisse einseitig und eindeutig festgeschrieben. Der Mann ist bestimmendes Subjekt, die Frau dienendes Objekt. Prostitution funktioniert über Spaltung – es gibt Heilige und Huren, und die Medien verschaukeln uns mit Bildern der Glamour-Prostitution, während die Zwangs- und Elendsprostitution, die viel verbreiteter ist, ausgeblendet wird. Und während Männer ohne Probleme zwischen ihrer bürgerlichen Welt und dem Rotlichtmilieu hin- und herspazieren können, werden Prostituierte stigmatisiert. Der typische Freier ist übrigens liiert – in Deutschland geht schätzungsweise jeder fünfte Mann regelmäßig zu Prostituierten. Was das über ihn, seine Beziehung, sein Verständnis von Sexualität, seine Empathiefähigkeit und seine Würde aussagt, wird natürlich nicht hinterfragt – denn wenn Prostitution legal ist, dann kann sie ja nicht falsch sein.

Sie schreiben positiv über das schwedische »Friede den Frauen«-Gesetz, nach dem seit 1999 Freier bestraft werden, nicht aber Prostituierte. Plädieren Sie für ein ähnliches Gesetz in Deutschland?

Die derzeitige Situation in Deutschland ist eine Katastrophe. Das Gesetz, das Prostituierte schützen sollte, hat dazu geführt, dass Deutschland ein Eldorado für Zuhälter, Bordellbesitzer und Menschenhändler wurde. Wir leugnen das Elend, die Ausbeutung, die Gewalt und die kriminellen Strukturen, unter denen Prostituierte leiden. Prostitution ist eine Verletzung der Menschenwürde und basiert auf der Idee, dass der weibliche Körper eine Ware ist, auf die Männer jederzeit Zugriff haben sollten. Insofern plädiere ich neben einem Gesetz, das Prostituierte entstigmatisiert und Freier in die Verantwortung nimmt, auch für mehr Aufklärung. Wer über die Hintergründe der kriminellen Sexindustrie aufgeklärt ist, kann Prostitution nicht mehr romantisieren. Die Verurteilung eines Stuttgarter Bordellchefs, der jahrelang in den Medien als Saubermann aufgetreten ist und von diesen protegiert wurde, ist ein erster Riss in der schönen Fassade.

Aktuell gibt es eine Debatte über die Streichung des Paragraphen 219 a, der Informationen über Abtreibungen illegalisiert. Die Bundesregierung plant unterdessen eine Studie über die »Häufigkeit und Ausprägung seelischer Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen«. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Die Nichtstreichung des Paragraphen 219 a ist ein Armutszeugnis der Politik, die Studie nur eine Ablenkung von dem eigentlichen Problem – nämlich der gesellschaftlichen Haltung, die der Selbstbestimmung von Frauen kritisch gegenübersteht. Es gibt bereits diverse Metastudien.

Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2015 fand heraus, dass für 95 Prozent der insgesamt 670 befragten Frauen die Entscheidung zum Abbruch die richtige gewesen war. Ein weiteres wegweisendes Ergebnis war auch: Je höher das gesellschaftliche Stigma und je niedriger die soziale Unterstützung, desto eher entstanden negative Gefühle in den Frauen. Wir sollten uns also eher fragen, wie wir Frauen in dieser Situation bestmöglich unterstützen können und was wir dazu beitragen können, um Schwangerschaftsabbrüche zu entstigmatisieren. Eine Streichung des Paragraphen wäre ein wichtiges und längst überfälliges politisches Zeichen.

Dr. Sandra Konrad ist Diplompsychologin, systemische Therapeutin mit eigener Praxis in Hamburg und Autorin mehrerer Bücher, darunter »Das beherrschte Geschlecht: Warum sie will, was er will« (Piper-Verlag, 2018)

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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