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Aus: Ausgabe vom 14.03.2019, Seite 16 / Sport
Wintersport

Super präpariert

Studentensport auf Weltniveau: Am Dienstag endete in Russland die 29. Winter-Universiade
Von Hartmut Hübner, Krasnojarsk
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Gerne recht freundlich: Ministerpräsident Medwedew (Mitte) freut sich über Gold des Eishockeyteams

»Das waren kleine Olympische Spiele.« Mit dieser Meinung ist der deutsche Goldmedaillen-Gewinner bei der 29. Universiade im russischen Krasnojarsk, Tobias Müller, nicht allein. Die rund 3.000 Aktiven aus 58 Ländern erlebten während der vergangenen elf Tage – vom 2. bis 12. März – in elf Sportarten zumeist hochklassige Wettkämpfe. Dass die russische Mannschaft bei den ersten Weltstudentenspielen in den Wintersportarten im eigenen Land das meiste Edelmetall abräumen würde, war allgemein erwartet worden – am Ende standen für sie 112 Medaillen zu Buche, davon 41 goldene. Um dieses Ziel zu erreichen, hatten die russischen Wintersportverbände in nahezu allen Disziplinen Spitzenleute in die Spur und auf das Eis geschickt, darunter Weltmeister, Weltcupsieger und Olympiamedaillengewinner. So fuhren die russischen Männer und Frauen in mehreren Disziplinen, etwa im Langlauf, komplette Medaillensätze ein.

Gold im zweiten Anlauf

Die deutsche Mannschaft hat die eigenen Erwartungen deutlich übertroffen. Der Sportdirektor des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes (adh), Thorsten Hütsch, hatte vor Beginn der Universiade gehofft, das Ergebnis von 2017 in Almaty, Kasachstan, wo seine Mannschaft eine silberne und zwei Bronzemedaillen erkämpft hatte, zumindest wiederholen zu können. Dass es schließlich zwei goldene, eine silberne und zwei Bronzemedaillen sowie mehrere Top-acht-Plätze wurden, hat wohl auch ihn überrascht. »Das zeigt, dass unsere Athletinnen und Athleten hervorragend auf die Wettkämpfe vorbereitet waren und im internationalen Leistungssport auf dieser Ebene gut mithalten können«, freute er sich über sein Team. »Aber auch die Wettkampfstätten, die Loipen, Pisten und das Eis in der Eishalle waren super präpariert. Was die Gastgeber hier geleistet haben, ist Weltniveau und durchaus für große internationale Meisterschaften geeignet.« Von der Organisation der Spiele zeigte sich der deutsche Delegationsleiter ebenso beeindruckt: »Die Zeitpläne stimmten auf die Minute, die Unterbringung im Universiade-Dorf war auch klasse. Ein Riesenlob für die über 5.000 Freiwilligen, die Sportlern und Besuchern halfen, sich überall schnell zurechtzufinden.«

Zu dem Spitzenergebnis der deutschen Mannschaft trugen vor allem die Freestyler bei – auf Skiern wie auf dem Snowboard. Es begann mit einem respektablen fünften Platz für die Jüngste im Team, die Schwarzwälderin Emma Weiß in der Disziplin Aerials. In Anwesenheit nahezu der gesamten Weltspitze katapultierte sich die Skiakrobatin mit einem Back Full-Tuck – einem doppelten Rückwärtssalto, zuerst mit Drehung um die eigene Achse, dann gehockt – in das große Finale und sorgte für die erste einstellige Plazierung. Das ist umso bemerkenswerter, als die Studentin des Gesundheitsmanagements weder vom Skiverband noch vom Sportbund eine Förderung erhält. »Sie ist derzeit die einzige, die international auf hohem Niveau eingesetzt werden kann. Da halten sich die Erfolgsaussichten in Grenzen«, erklärt Marc Sieburg, ihr Betreuer im Universiade-Team. »Keine Aussicht auf Medaillen oder Topplazierungen – kein Geld. So ist das nun mal im Leistungssport.« Das bedeutet, dass Emma alle Kosten selbst aufbringen muss. »Da kommen im Jahr so um die 30.000 Euro zusammen. Zwar habe ich einen Sponsor, aber einen großen Teil des Geldes steuern meine Eltern bei, die dafür auf vieles verzichten müssen«, erzählt sie.

Auf bessere Voraussetzungen kann der Goldmedaillengewinner im Slopestyle, dem Freestyle-Hindernisrennen, Tobias Müller, Student der Informatik und Computerlinguistik an der Ludwig-Maximilian-Universität München, bauen. »Ich bin beim Olympiastützpunkt eingebunden und erhalte Unterstützung durch den Skiverband. Die ist mir glücklicherweise auch während meiner langen Wettkampfpause wegen einer Hüftverletzung erhalten geblieben, so dass ich schließlich doch an der Universiade teilnehmen konnte.« Das ist nicht zuletzt adh-Sportdirektor Hütsch zu verdanken, der sich für den blonden Bayern gegen Widerstände aus den eigenen Reihen durchgesetzt hatte und mit dessen Sieg am Ende recht behielt.

Buckelpistentrainer Sieburg konnte schließlich auch noch Medaillen seiner Schützlinge bejubeln. Im Mogulswettbewerb erkämpfte Lea Bouard von der Université Savoie Mont Blanc bei der Abfahrt einen hervorragenden zweiten Platz, wobei sie den Sieg nur hauchdünn verpasste. Im Dual-Moguls-Rennen ließ die 22jährige Olympiateilnehmerin von 2018 der Konkurrenz aber dann keine Chance und zeigte, dass sie mit dem Buckelpistenhang im Sopka Cluster, dem alpinen Skigebiet im Universiade-Skipark, perfekt klarkam. Grund zur Freude hatte auch Sophie Weese, Uni Tübingen, die hinter ihrer Mannschaftskollegin auf den Bronzerang fuhr.

Das gute Mannschaftsergebnis auf den Brettern komplettierten die deutsche 7,5-Kilometer-Staffel mit einem beachtlichen fünften Platz nach einem taktisch sehr klug geführten Rennen und die Snowboarderin Sarah Hardt, Uni Innsbruck, die im Slopestyle ihr zweites Top-sechs-Ergebnis herausfuhr. Am vorletzten Wettkampftag raste schließlich Florian Wilmsmann, BWL-Student an der HAM Erding, zu Bronze im Skicross. »Es hätte auch Gold werden können, aber im Finale fuhr mir ein anderer von hinten auf die Ski, so dass ich stürzte«, ärgerte sich der 23jährige. »Aber mit meinem Zielsprung konnte ich wenigstens noch Bronze retten.«

Bewährungsprobe bestanden

Die Gastgeberstadt lernten die Aktiven nur bei einer Stadtrundfahrt kennen. Dabei hatte sich die sibirische Millionenstadt seit der Vergabe der Universiade im Jahr 2012 mit viel Aufwand auf dieses Ereignis vorbereitet. Eine Eissportarena entstand, eine Multifunktionshalle wurde gebaut, ein alpines Skigebiet angelegt. Eine neue Brücke verbindet die beiden Stadtteile am Ufer des Jenissei, der mit 3.475 km einer der längsten Flüsse der Welt ist.

Insgesamt wurden seit 2013 rund 80 Milliarden Rubel (ca. 1,1 Milliarden Euro) für Stadtverschönerung ausgegeben, davon kamen 60 Milliarden aus Moskau. Das alles werde nach der Universiade den Einwohnern von Krasnojarsk zugute kommen, versprach Oberbürgermeister Sergej Jeremin. »Die Stadt ist in den letzten Jahren viel sauberer geworden. Nun liegt es an uns, dass es so bleibt«, meint die Krasnojarskerin Swetlana Grigoriewa.

Für Ende März ist ein Krasnojarsker Investitionsforum geplant, um noch mehr Geld für neue Projekte zu sammeln. Mit der Universiade hat die Stadt ihre Bewährungsprobe bestanden und sich für größere Aufgaben empfohlen. Die Messlatte für die nächste Winter-Universiade 2021 in Luzern, Schweiz, liegt jetzt jedenfalls sehr hoch.