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Aus: Ausgabe vom 14.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Schöner scheitern

Da geht noch was: Hi! Spencers zweites Album »Nicht raus, aber weiter«
Von Rouven Ahl
Hi! Spencer_Andreas Hornoff_print4.jpg
»Es geht um das Monster, das in uns steckt«

Das Spannungsfeld zwischen Scheitern und Wiederaufstehen, zwischen Resignation und »Jetzt erst recht« beschäftigt den deutschsprachigen Punk und Indierock nicht erst seit den beiden Hamburger Granden Tomte und Kettcar.

»Ich habe geschworen, schöner zu scheitern« heißt es auch auf dem neuen Album der Osnabrücker Band »Hi! Spencer«, das den programmatischen Titel »Nicht raus, aber weiter« trägt. Es geht also um das Positive am Scheitern. Denn wenn alles so richtig schön scheiße ist, fällt das Drücken auf den Neustart-Button eben meist leichter.

Hi! Spencer suhlen sich aber nicht, wie man vermuten könnte, in Selbstmitleid. Der Blick ist immer aufs Weiter, auf das Licht am Ende des Tunnels gerichtet. Es geht darum, sich mit sich selbst und seinen Ängsten auseinanderzusetzen – auch wenn es wehtut. »Es geht um das Monster, das in uns steckt, um die Selbstsabotage, Gelähmtheit, dann aber auch darum, wieder Mut zu fassen und aufzustehen«, sagt Sänger Sven Bensmann über »Nicht raus, aber weiter«.

Das Rad erfindet die 2012 gegründete Band auf ihrem zweiten regulären Album nicht neu. Musikalisch setzen sie auf eine Mischung aus Indie- und Punkrock. Der Sound ist dicht und gut produziert. Die elf Songs haben eine gewisse Dringlichkeit. So liefern sie den idealen Soundtrack zum Aufbruch, um die Schönheit der Chance zu erkennen. Wenn man es negativ formulieren möchte, haben Hi! Spencer das Album nach der Blaupause »Befindlichkeitsrock« entworfen. Die Klippen des Pathos umschiffen sie dabei.

Dennoch können sie sich rein textlich nicht mit Kettcar oder Muff Potter messen. Das wird vor allem bei einem Song wie »Der Küchentisch« hörbar, dessen Text etwas ungelenk ist. Auch der Kampf mit den inneren Dämonen, der im Titelsong beschrieben wird, wurde sicher schon virtuoser formuliert. Ein bisschen weniger Jupiter-Jones-Einfluss hätte dem Album außerdem gutgetan.

»Nicht raus, aber weiter« ist ein solides, aber kein spektakuläres Album. Das Potential, beim nächsten Mal vielleicht den ganz großen Wurf zu landen, ist durchaus vorhanden. Hi! Spencer haben ein Talent dafür, mitreißende Energie in ihren Songs zu entwickeln, ohne laut oder wild sein zu müssen. Bei dieser Band geht definitiv noch mehr.

Hi! Spencer: »Nicht raus, aber weiter« (Uncle M Music)

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