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Aus: Ausgabe vom 13.03.2019, Seite 5 / Inland
»Fridays for Future«

Alle für den Klimaschutz

Appell von 12.000 Wissenschaftlern unterstützt Klimaproteste der Schüler. Windenergiebranche schließt sich auch an
Von Wolfgang Pomrehn
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Schüler und Studierende demonstrieren vor dem Kanzleramt für eine nachhaltige Energiepolitik (Berlin, 25.1.2019)

Wissenschaftler schlagen Alarm: »Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus.« Dieser Satz leitet eine Stellungnahme von Wissenschaftlern aus Österreich, der Schweiz und Deutschland ein, mit der sie ausdrücklich die seit Monaten in zahlreichen Ländern laufenden regelmäßigen Schulstreiks für mehr Klimaschutz begrüßen. Die Anliegen der Jugendlichen seien berechtigt und gut begründet, heißt es in einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Erklärung. Unter diese wurden seit Anfang März rund 12.000 Unterschriften aktiver Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gesammelt.

Zu den Erstunterzeichnern gehören bekannte Namen wie Mojib Latif, der in Kiel die Maritime Meteorologie am Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung leitet, sowie Hans Joachim Schellnhuber und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Schellnhuber war langjähriger Direktor des Potsdamer Instituts. Nebenbei fungierte er – offensichtlich mit mäßigem Erfolg – als Klimaberater von Kanzlerin Angela Merkel und saß zuletzt in der Kohlekommission. Auch Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, und ihre Stellvertreterin Karen Helen Wiltshire, die die Biologische Anstalt auf Helgoland leitet, gehören zu den Erstunterzeichnern. Außerdem die beiden Direktoren des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie, Jochem Marotzke und Martin Claußen.

»Die enorme Mobilisierung der neuen Bewegungen« – gemeint sind »Fridays for Future« in Deutschland und Österreich und der »Klimastreik« in der Schweiz – zeige, dass die jungen Menschen die Situation verstanden hätten. Ihre Forderung nach schnellem und konsequentem Handeln »können wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur nachdrücklich unterstreichen«, heißt es in dem Appell. Es komme darauf an, die Treibhausgasemissionen schnell abzusenken und weltweit »spätestens zwischen 2040 und 2050 auf null zu reduzieren«. Eine schnellere Absenkung erhöhe hierbei die Wahrscheinlichkeit, das Ziel der Pariser Klimakonferenz von 2015 zu erreichen, die Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius zu stoppen. Die Verbrennung von Kohle sollte bereits 2030 fast vollständig beendet sein, die von Erdöl und Erdgas gleichzeitig reduziert werden, bis alle fossilen Energieträger durch klimaneutrale ersetzt würden. Und »unter Berücksichtigung der globalen Klimagerechtigkeit müsste in Europa dieser Wandel sogar noch deutlich schneller ablaufen«, machten die Wissenschaftler in ihrer Erklärung deutlich.

Die Bundesregierung will die letzten hiesigen Kohlekraftwerke hingegen erst 2038 abschalten. Das für 2030 im Klimaschutzplan der Regierung formulierte Ziel, die deutschen Emissionen auf mindestens 55 Prozent des Niveaus von 1990 abzusenken, bleibt zudem hinter den Forderungen der Wissenschaftler erheblich zurück. Selbst dieses Ziel steht beim gegenwärtigen Ausbautempo für Solar- und Windenergie auf der Kippe. So sprang am Dienstag auch der Bundesverband Windenergie (BWE) auf den Klimaprotestzug auf, schlug sich auf die Seite der Schüler und forderte einen schnelleren Ausbau von und grünes Licht für neue Speichertechnologien. Der BWE fordert, wie auch die Wissenschaftler, eine CO2-Steuer. Allerdings müssten Kosten und Nutzen sozial ausgewogen verteilt werden, wie es im Aufruf der 12.000 heißt.

Unterdessen ist für den kommenden Freitag von den Schülern ein globaler Aktionstag für mehr Klimaschutz ausgerufen worden. In 92 Ländern von Argentinien bis Vanuatu wurden Schulstreiks und Demonstrationen angekündigt. Ausdrücklich erwünscht ist eine Beteiligung von Erwachsenen. In Australien rufen zum Beispiel auch einige Gewerkschaften zu den Demonstrationen auf. In Deutschland sind Aktionen in fast 200 Städten angemeldet.

Alle Termine im Internet hier: https://kurzlink.de/Klimaproteste

Debatte

  • Beitrag von günther d. aus b. (14. März 2019 um 18:07 Uhr)
    Nicht diese hier geforderten Werte führen zum erforderlichen Klimaschutz. Sie sind letzten Endes nur Stückwerk. Das, was zur Lösung der immer stärker werdenden Probleme auf diesem Globus endlicher Größe führen kann, ist im Leserbrief von Wackernagel (jW, 14.3.2019 ) kurz und prägnant beschrieben. Seinen Ausführungen stimme ich voll zu. Allerdings setzt es voraus, dass man die 100 bis 200 Clans, oder mögen es auch 1.000 bis 2.000 sein, die weltweit den Konsumterror zu ihrer Leib- und Magenspeise gemacht haben, entmachten muss. Statt dessen sind solche Einrichtungen zu schaffen, die die gesamte Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen aufbauen. Das heißt aber nicht mehr und nicht weniger, als dass der Konsumterror nur durch den Übergang zur sozialistischen Produktion – und zwar weltweit – gesichert werden kann.

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