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Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Lehrstück vom Scheitern

Feines Gespür für soziale Hierarchien: »Mid90s«, ein kleines Kinojuwel
Von Maximilian Schäffer
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Werden beiläufig mündiger: Ray, Fuckshit, Ruben, Fourth Grade und Stevie (v. l. n. r.)

Mit der Nostalgie ist es so eine Sache. Schließlich gibt es einen Haufen gefühlsduseliger Retrofilme, die davon ausgehen, dass Farbfilter, Requisiten und ein Soundtrack mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Zeit jede Narration überflüssig machen. »Mid90s« hätte ein solcher Film werden können, wurde es aber nicht. Das Regiedebüt des Hollywoodschauspielers Jonah Hill ist ein vollumfänglich famoser Film geworden, kein gimmickhaftes Zeit- oder Szeneporträt, sondern einer der besten »kleinen« Filme seit langer Zeit.

Gedreht im alten 4:3-Fernsehformat auf 16-mm-Analogfilm, ruft die Produktion zunächst verdächtig viel in Erinnerung: Ninja Turtles, Super Nintendo, CD-Sammlung. Im Hintergrund spricht der Wu-Tang Clan Lieder von flüssigen Schwertern, singen Nirvana von Nachtmahren mit bleiernen Bäuchen. So waren die Mittneunziger – darauf lässt der Filmtitel unsubtil schließen.

Auftritt Hauptfigur. Stevie (Sunny Suljic) wird von seinem älteren Bruder verdroschen. Der 13jährige ist klein für sein Alter und angemessen unschuldig. Er lebt im behüteten Einfamilienhaus in einer ruhigen Gegend von Los Angeles. Eines Tages entdeckt Stevie den Skateshop ein paar Straßen weiter. Dort sind Jungs, die vor allem zwei Dinge sind – älter und cooler als er.

Am unteren Ende der Nahrungskette angekommen, darf der Knabe Wasser holen und sich von den durchschnittlichen Außenseitern veräppeln lassen: Ruben (Gio Galicia) ist der Jüngste, Fourth Grade (Ryder McLaughlin) der Ärmste, Fuckshit (Olan Prenatt) der Krasseste und Ray (Na-Kel Smith) der fast schon erwachsene Anführer. Im Folgenden passieren rein oberflächlich Begebenheiten, wie sie in »Coming-Of-Age-Filmen« äußerst konventionell sind. Stevie wird mit Drogen, Sex, Gewalt und dem Gesetz konfrontiert. Unkonventionell ist das feine Gespür des Films für soziale Hierarchien, die sein Hauptthema sind.

Die Jugendlichen erkennen ihre interne Ordnung und die der Gesellschaft. Sie skaten auf dem Hof eines Gerichtsgebäudes und werden von der Ordnungsmacht verjagt, ziehen hier eindeutig den kürzeren. In einer der stärksten Szenen des Films unterhalten sich die Teenager mit einem Obdachlosen, der in der Klassengesellschaft noch unter ihnen steht und erzählt, wie er dahin geraten ist. Die Kamera beobachtet diese Lehrstunde vom Scheitern teilnehmend, während im Hintergrund das Treiben des Skateparks seinen gewohnten Lauf nimmt.

Dass der endlose Sommer der Spätpubertät gar nicht endlos ist, haben die Beteiligten nicht auf dem Schirm. Sie driften in ihre Zukunft, die Lohnarbeit, Wohlstand und manches andere bereithält. Fuckshit ist ständig high, während Ray sich bei den Profiskatern anbiedert. Ruben und Stevie liefern sich Machtkämpfe, bei denen in der Anlage klar wird, wer einmal Weiberheld und Draufgänger wird. Das Beeindruckende an Hills Drehbuch und Regie ist die geschickte Montage von Figurenzeichnungen und Zeitsprüngen, die der Zuschauer kaum wahrnimmt, aber durch den Rhythmus der Szenen wird eine ständige Selbstreflexion der Charaktere vorgeführt. Immer wieder schlittern die Freunde in ihr Schicksal, scheinen es zu begreifen, positionieren sich neu, werden beiläufig mündiger. Dabei bleiben sie aber Kinder, die Ereignisse vielmehr passieren, als dass sie ihnen geschehen.

In kurzweiligen 85 Minuten reißt »Mid90s« Welten auf, die in der Wirklichkeit nicht zu verorten sind. Wachträume von der Vergangenheit, von den Traumata des Erwachsenwerdens, die nie ganz überwunden werden können. Eltern hinter sich lassen. Den eigenen Körper beschädigen. Sich für oder gegen die Gesellschaft entscheiden. Dabei herausfinden, was ein Unmensch ist. Trent Reznor und Atticus Ross, das neue Traumduo der beiläufigen Filmmusik, haben dazu einen Soundtrack komponiert und kompiliert, der den Film so leichtverdaulich macht wie jedes großartige Unterhaltungskunstwerk. Man kann nur inständig bitten und hoffen, dass aus diesem Kinojuwel keine beschissene Netflix-Serie entsteht.

»Mid90s«, Regie: Jonah Hill, USA 2018, 85 min, bereits angelaufen

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