Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Neue Musik

Von heute nach rückwärts

Vorantreibende Avantgarde: Der Dirigent und Komponist Michael Gielen ist tot
Von Stefan Amzoll
object_person_id_602_18112658.jpg
»Mit ehernem Berufsethos«: Michael Gielen im Jahr 1999

Abschied von seinen Verpflichtungen in Studio und Konzertsaal nahm Michael Gielen vor fünf Jahren. Zurückgezogen lebte er mit seiner Frau in den Bergen des Salzburger Landes, und fühlte sich zunehmend als Österreicher. Am Freitag ist der hochangesehene Dirigent und Komponist im Alter von 91 Jahren gestorben.

In seltener Konsequenz beschritt Gielen seinen Weg. Mit ehernem Berufsethos, eingebunden in einen Betrieb, dessen Geschäftsgebaren und Starrummel er so sehr verachtete. Mit der Erneuerung der Konzertform begann der Dirigent bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Hier fanden seine Ideen ersten Widerhall. Er dirigierte Werke der Wiener Schule um Arnold Schönberg sowie die Moderne vorantreibende Stücke der Avantgarde: Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez und Bernd Alois Zimmermann, deren Genies er bewunderte, Luigi Nono, dessen politische Gesinnung er teilte, den argentinischen Freund Mauricio Kagel, den jüngeren Helmut Lachenmann, auf dem viel Hoffnung lag. Daneben komponierte Gielen, was die wenigsten Dirigenten taten, erstaunliche Sachen, die wieder gespielt gehörten.

Älter und erfahrener, dirigierte Gielen Gustav Mahler mit der gleichen Hingabe wie Anton Bruckner. Er hätte sich, sagte er einmal, »die Literatur von heute nach rückwärts erobert«. Der Weg ging von Schönberg und Boulez über Mahler zur Romantik und Klassik.

Geboren 1927 in Dresden, wuchs Gielen in Argentinien auf, wohin seine Familie 1940 vor den Nazis geflohen war. Geprägt wurde er nach dem Krieg in Wien, wo seine Mutter Schauspielerin war, sein Vater Intendant des Burgtheaters. In den 60ern dirigierte Gielen fast ausschließlich Neue Musik. Die jungen Avantgardisten drängten sich um ihn, um aufgeführt zu werden. Tumulte und Empörung seitens der Verfügenden wie der Hörer begleiteten ihn durchs Berufsleben. Gegen das Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester setzte er 1965 die Uraufführung von Zimmermanns Oper »Die Soldaten« durch, gegen das Publikum der Frankfurter Oper nicht nur Hans Neuenfels’ »Aida« (1980). Von 1977 bis 1987 war Gielen Generalmusikdirektor dieser Oper, gleichzeitig Erster Gastdirigent des »BBC Symphony Orchestra« (1978–1981) und »Music Director« des »Cincinnati Symphony Orchestra« (1980–1986). Unter seinem Direktorat am Main schrieben Regiearbeiten von Ruth Berghaus, Harry Kupfer und Neuenfels Musiktheatergeschichte.

1991 wurde Gielen nicht zufällig Gastdirigent der Staatsoper Unter den Linden in Ostberlin (Einstieg mit Claude Debussys »Pelléas et Mélisande« in der Regie von Ruth Berghaus) und Ständiger Gast des Berliner Sinfonieorchesters (später Konzerthausorchester). Sensationell war seine Aufführung von Zimmermanns hochpolitischem »Requiem für einen jungen Dichter« (1969), beispielhaft seine Verknüpfung von Beethovens »Neunter« mit Schönbergs »Überlebendem aus Warschau« und anderen Stücken des Widerstands. Seit den 1990ern führte Gielen gelegentlich auch Dmitri Schostakowitsch auf. Vor der Aufführung dessen zwölfter Sinfonie, »Das Jahr 1917«, in der Semperoper verschaffte er in einer kurzen Rede seinem ganzen Unmut darüber Luft, was die »neue Epoche« täglich anrichte. Es liegt eine Michael-Gielen-Edition in 6 CD-Boxen vor, eine erstrangige Dokumentation des Schaffens eines großen Dirigenten, weitere werden folgen.

Ähnliche:

  • Mächtig und hilflos zugleich: Martin Gerke als Golem
    26.06.2015

    Das Begehren ist klar

    Probleme der Phantastik: »Der Golem« will mehr, an der Neuköllner Oper in Berlin
  • Im angerichteten Chaos: Marina Prudenskaja als der Komponist
    19.06.2015

    Die Tiefe verstecken

    Hans Neuenfels inszeniert »Ariadne auf Naxos« von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal an der Berliner Staatsoper

Regio:

Mehr aus: Feuilleton