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Aus: Ausgabe vom 06.03.2019, Seite 15 / Antifa
Holocaust im Rigaer Ghetto

Die Mörder von Riga

Erneut Aufmarsch letzter lettischer Exmitglieder der Waffen-SS. Antifaschisten gedenken Holocaust-Opfer
Von Brigitta Huhnke
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Alt- und Neonazis ziehen an ihrem »Tag der Legionäre« durch die lettische Haupstadt (Riga, 16.3.2017)

Am 16. März, dem »Tag der Legionäre«, wollen sie wieder durch Riga marschieren: letzte lettische Exmitglieder der Waffen-SS und ihre Familien. Seit 1991 gedenken sie jährlich der »gewonnenen« Schlacht zweier lettischer SS-Freiwilligen-Divisionen gegen die Rote Armee am 16. März 1944 am Ladogasee bei Leningrad. Allerdings: An die begangenen Verbrechen der SS und lettischer Nazikollaborateure müssen andere erinnern.

Ab Ende Juni 1941 sollen bis zu 40.000 Letten deutsches Morden unterstützt haben. Wenigstens 70.000 lettische Juden wurden getötet. Allein bis Oktober 1941 fielen den Mördern etwa 30.000 jüdische Menschen in der lettischen Provinz zum Opfer, in Riga mindestens 4.000. Dann sperrte die SS in Riga den Stadtteil Moskauer Vorstadt als Ghetto ab. Unter dem Befehl des »Höheren SS- und Polizeiführers« Friedrich Jeckeln wurden dorthin 33.000 lettische Juden verbracht, wo das Morden weiter ging.

Bestialisches Morden

Der Überlebende Max Kaufmann beschreibt in seinem 1947 veröffentlichen Buch »Churbn Lettland« die Nacht des vom 29. zum 30. November 1941: »Uniformierte Letten und Deutsche, alle total betrunken, strömten zu Tausenden ins Ghetto und begannen mit einer förmlichen Judenjagd! Das war eine Todesjagd! (…) Wie Tiger liefen die Mörder von Haus zu Haus und Zimmer zu Zimmer«. Am Morgen prügelten sie Menschen in Kolonnen durch die Stadt. »Das Blut rann auf den Straßen, und es gab keine, wo nicht erschossene Menschen lagen.«

Am 30. November 1941 traf der erste Zug mit als Juden Verfolgter aus dem Deutschen Reich an. Wie aus 2008 zuletzt in Gertrude Schneiders »Reise in den Tod. Deutsche Juden in Riga 1941-1944« veröffentlichten Deportationslisten hervorgeht, wurden 1.053 Menschen, alle aus Berlin umgehend im Wald von Rumbula erschossen. Nach gleichem Muster erfolgten weitere bestialische Massenmordaktionen, so am 8. und 9. Dezember 1941. In diesen Tagen seit dem 30. November sollen bis zu 29.500 Menschen ermordet worden sein. Zwischen November 1941 und Februar 1942 schickten die Täter wenigstens 28 sogenannte Transporte mit mehr als 31.300 Menschen aus Deutschland, Wien und Theresienstadt nach Riga. Nur etwa 1.150 Menschen haben überlebt. Am 6. Dezember 1941 wurden mindestens 964 Menschen aus Hamburg und Umgebung deportiert, unter ihnen der Hamburger Oberrabbiner Joseph Carlebach, mit Ehefrau, mit vier der neun Kinder. Der Transport kam in das Lager Jungfernhof bei Riga. Nur 35 haben überlebt.

Am 5. Februar 1942 »selektierte« SS-Obersturmführer Gerhard Maywald 1.500 Menschen aus der Berliner und Wiener Gruppe des Rigaer Ghettos. Den überwiegend Älteren log er etwas von leichter Arbeit in einer Fischfabrik in Dünamünde vor. Sie ließen ihr Leben im Wald von Bikernieki.

Heine zur Stütze

Am 5. Februar 1942 packt in Wien die Jugendliche Gertrude Schneider in ihren Ranzen einen kleinen Band mit Heine-Gedichten und ein dickes Notizbuch. Am nächsten Tag müssen sich Gertrude und die jüngere Schwester Rita mit den Eltern zur Deportation einfinden. Das Notizbuch sollte zur Grundlage von vier Büchern werden, die die spätere Geschichtsprofessorin der New Yorker City University über den Holocaust in Riga verfassen wird.

Bei der Ankunft in Riga am 10. Februar begrüßten der Kommandeur der Sicherheitspolizei des SD in Lettland, Rudolf Lange, und SS-Obersturmführer Gerhard Maywald die Verschleppten mit freundlichen Worten und forderten sie auf, einen der bereitstehenden Busse zu besteigen, um den langen Fußweg zu vermeiden. 700 Menschen fuhren mit. Schneiders Vater konnte die kleine Rita nur mit einer Ohrfeige vom Einsteigen abhalten. Alle 700 fielen umgehend den Mördern im Wald von Bikernieki zum Opfer.

Nach Auflösung des Ghettos 1943 kommen die noch Lebenden ins neu errichtete KZ Kaiserwald, zusammen mit Menschen aus Ungarn, Deutschland und Litauen. Die etwa 12.000 Gefangenen verrichten Zwangsarbeit, Ende 1944 werden sie in das KZ Stutthof bei Danzig verbracht.

In den siebziger Jahren mussten sich vor dem Landgericht Hamburg mehrere Täter, unter anderen Gerhard Maywald, verantworten. Die Anklage lautete auf Beteiligung an der Ermordung von mehr als 8.000 lettischen, deutschen, österreichischen und tschechischen Juden. In jahrzehntelanger Kleinarbeit hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen zu Riga geführt, etwa 100 Zeuginnen und Zeugen gehört. Arie Goral (1909–1996) wohnte oft als einziger Zuschauer diesem und anderen Riga-Prozessen bei. Seine Mutter war in Riga umgebracht worden. Er, 1934 nach Palästina ausgewandert, 1953 nach Hamburg zurückgkehrt, kämpfte bis zu seinem Tod für die Erinnerung an die Ermordeten. Gertrude Schneider kam persönlich nach Hamburg.

Nur »Beihilfe« geleistet

Das Hamburger Abendblatt hielt am 12. Januar 1977 eine Bemerkung Maywalds gegenüber dem Richter Klaus Wagner fest: »Ich fühle mich hier nicht als Angeklagter, sondern genauso berechtigt wie Sie, weil ich nichts getan habe. Wie wollen beide versuchen, die Wahrheit zu finden, da gibt es immer zwei Seiten zu berücksichtigen. Das beweist jeder Krimi im Fernsehen.«

Das Gericht sah nur Maywalds Beteiligung an einer Selektion von 320 Menschen als bewiesen an. Außerdem habe er nur »Beihilfe« geleistet, antijüdische Einstellungen nicht geteilt, Sadismus habe ihm ferngelegen. »Wer innerhalb des Befehlsrahmens aussondert, ist nicht Mörder.« Die Zeugen seien nicht zuverlässig gewesen. Das Strafmaß: vier Jahre. Richter Klaus Wagner hielt ihm »Belastungen« der 15 Jahre dauernden Ermittlungen strafmildernd zugute, rechnete die Untersuchungshaft an.

Wie lange Maywald wirklich einsaß, was mit ihm danach geschah, ist ungewiss. Gertrude Schneiders Vater, Pinkus Hirschhorn, verstarb während der Befreiung noch in Buchenwald. Goral und Schneider ist die Verehrung für Heinrich Heine gemeinsam. Eines der Gedichte, die Schneider bei sich hatte, heißt: »Nicht gedacht soll seiner werden!« Goral kämpfte zur Zeit des Prozesses für ein Heine-Denkmal in Hamburg, was einige Jahre später gegen viele Widerstände errichtet wurde.

Im Jahr 2016 wurden direkt vom Flughafen Riga fünf aus Berlin kommende Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BDA) nach Litauen eskortiert. Die lettische Geheimpolizei vernahm eine andere zum Gedenken angereiste Gruppe mitten in der Nacht in einem Rigaer Hotel. Die kleine Gegenaktion am nächsten Tag am Rande des Aufmarsches bestand aus dem Verlesen von Namen der am 30. November 1941 Ermordeten aus Berlin.

Ein Zeichen gegen den faschistischen Aufmarsch am kommenden Mittwoch zum 75. Jahrestag in Riga zu setzen – das würde vor allem auch bedeuten, Solidarität mit der kleinen jüdischen Minderheit in Lettland zu üben. Sie ist erneut bedroht.

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