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Aus: Ausgabe vom 06.03.2019, Seite 8 / Inland
Rassismus in Sportvereinen

»Ohne CDU-Parteibuch wird man kein Fußballpräsident«

Sachsen: Studie untersucht Diskriminierung in Sportvereinen. Wenig Wissen über Verbände und Funktionäre. Gespräch mit Adam Bednarsky
Interview: Oliver Rast
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Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte: Das Fußballspiel ist mehr als bloßer Freizeitsport (Mainz, 26.12.2017)

Sie beschäftigen sich mit Rassismus, Homophobie und Sexismus im Unterklassenfußball. Im vergangenen Jahr haben Sie dazu eine Studie mit dem Titel »Diskriminierung im Fußball – Sächsische Amateurvereine zwischen Toleranz und Ausgrenzung« veröffentlicht. Welche Vereine haben Sie untersucht?

Zum Amateurfußball gibt es nur wenige wissenschaftliche Arbeiten. Meine Idee war, den maximalen Kontrast zwischen einem Dorf-, Kleinstadt- und Großstadtklub aufzuzeigen. Ich denke, ich habe damit ein facettenreiches Bild des sächsischen Amateurfußballs liefern können.

Lassen sich Ihrer Studie zufolge Rückschlüsse ziehen, wonach diskriminierendes Verhalten bei Klubs im ländlichen Raum stärker verbreitet ist?

Fakt ist, dass Rassismus in ländlichen und kleinstädtischen Regionen vermehrt anzutreffen ist – dort, wo weniger Migranten leben. Ein paradoxes Phänomen, was gerade in Ostdeutschland seit der Wende bekannt ist. Dennoch ist das Bild »Ostdeutschland gleich Naziland gleich Sachsen« schief. Ich unterschreibe auch nicht die Gleichung, wonach auf dem Land alles schlecht, in der Stadt hingegen alles gut ist. Solchen Klischees sollte man entgegentreten. Entscheidend ist das Engagement gegen Diskriminierungen vor Ort.

Ist der Fußballsport als kampfbetontes Spektakel besonders anfällig für Diskriminierungen?

»Wir gegen die«, das ist dem Spiel inhärent. Fußball gilt als regulierter Konflikt auf dem Spielfeld. Das fördert den Machismo, der sich von einer Generation der Aktiven zur nächsten tradieren kann. In meiner Studie konnte ich aufzeigen, dass es von aktiven Fußballern geradezu gewollt wird, dass es auf dem Platz hart zur Sache geht – und sie das in klarer Abgrenzung zum Frauenfußball verstanden wissen wollen. Nach dem Motto: Wo darf man Mann sein, wenn nicht am Spieltag?

Oft stehen nur Fans im Fadenkreuz. Wie rassistisch aber sind Verbandsfunktionäre?

Sie habe ich nicht speziell untersucht, sondern das Vereinsleben auf und neben dem Rasen. Diskriminierende Stereotype zeigen sich auch bei Funktionären, keine Frage. Das Thema wird seit einigen Jahren stärker seitens der Verbände registriert und in Foren verhandelt. Bei Homophobie und Sexismus sieht es allerdings anders aus, hier stehen wir noch am Anfang.

Wirken Faninitiativen Ihrer Beobachtung nach beispielsweise rassistischen Fangesängen im Stadion verstärkt entgegen?

Grundsätzlich: Das Eis der Zivilisation ist auf den Fußballplätzen wie in der Gesellschaft dünn. Dennoch sind in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen festzustellen. Fanprojekte und Fanhilfen haben in den vergangenen Jahren viel getan, damit offen rassistische Äußerungen und Ausschreitungen weitgehend unterbleiben. Das bedeutet aber nicht, dass subtile rassistische Einstellungsmuster bei Zuschauern nicht mehr existieren würden. Der Fußballsport ist ein Abbild der Gesellschaft.

Beim Deutschen Fußballbund, DFB, und seinen Landesverbänden wird Antidiskriminierung offiziell groß geschrieben. Was erwarten Sie sich insbesondere vom Sächsischen Fußballverband?

Der DFB agiert nach dem Muster von »Corporate Social Responsibility«, der »Sozialverantwortung« eines Unternehmens. Für mich ist das Teil einer Vermarktungsstrategie. Der Fußballverband in Sachsen ist nicht untätig, er ist bemüht. Die Verbände sind aber konservativ geprägt, sowohl personell als auch strukturell. Ohne CDU-Parteibuch kann man in Sachsen nicht Fußballpräsident werden. Das macht auch das Paradoxon aus, wenn von den Verbandschefs behauptet wird, der Fußball sei unpolitisch. Nach öffentlich bekanntgewordenen rassistischen Vorfällen ist der Druck zumeist hoch und lastet auf den Verbänden. Zwar hat auch der Landessportbund Planstellen für Projekte gegen Diskriminierung und Gewalt, nur sind die jeweils auf zwei Jahre befristet. Viele »Schaufensterkampagnen« sind kurzatmig, und ich bezweifle deren Nachhaltigkeit. Es ist ein ständiges Stop-and-go.

Adam Bednarsky ist Politologe, Vorsitzender des Leipziger Stadtverbandes von Die Linke und Gründungsmitglied des Sportvereins »Roter Stern Leipzig«

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