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Aus: Ausgabe vom 05.03.2019, Seite 4 / Inland
»Warum lernen ohne Zukunft?«

Besuch aus Bullerbü

Greta Thunberg in Hamburg: Schulbehörde droht »Schulschwänzern«. Andere arbeiten an der Entschärfung der Klimaproteste
Von Kristian Stemmler
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Die Schulbehörde sieht es nicht gern: Greta Thunberg (Mitte, mit Mütze) am vergangenen Freitag in Hamburg

Von Greta Thunberg ist zuerst nicht mehr zu sehen als ihre weiße Pudelmütze. In der Traube von Fotografen, Kamerateams und Anhängern vor dem Portal des Hamburger Rathauses geht die überraschend kleine Schwedin fast unter. Nur mit Mühe kann sie von Unterstützern abgeschirmt werden. Die Stippvisite der 16 Jahre alten Aktivistin, die die weltweite Bewegung »Fridays for Future« losgetreten hat, sorgte am Freitag für einen Hype in der Hansestadt. Tausende Schüler bestreikten den Unterricht und demonstrierten statt dessen für den Klimaschutz. Die Veranstalter zählten über 10.000, die Polizei rund 4.000 Teilnehmer.

Innerhalb weniger Monate ist die Schülerin, die ein bisschen aussieht wie eine Figur aus Astrid Lindgrens Bullerbü-Büchern, zu einer »Galionsfigur der Klimaschutzbewegung« geworden. Im August 2018, auf dem Höhepunkt der Hitze- und Dürrewelle in Europa, stellte sie sich mit einem Schild mit der Aufschrift »Skolstrejk för klimatet« (Schulstreik fürs Klima) vor den schwedischen Reichstag. Bald fanden sich Nachahmer, inzwischen reicht »Fridays for Future« bis nach Kanada und Australien. Greta Thunberg sprach bei der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice im Dezember 2018 und im Februar auf einem EU-Kongress in Brüssel.

Ganz offensichtlich macht es der kometenhafte Aufstieg der Bewegung und Thunbergs erkennbare Beliebtheit Politikern immer schwerer, sich kritisch zu äußern. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) musste das einsehen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar, an dem Thunberg auch teilnahm, hatte Merkel »Fridays for Fu­ture« noch, ohne die Bewegung namentlich zu nennen, in Zusammenhang mit einer ominösen »hybriden Kriegführung« Russlands gebracht.

In ihrem wöchentlichen Videopodcast erklärte sie nun am Sonnabend: »Ich unterstütze sehr, dass Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen.« Natürlich vergaß die Kanzlerin nicht zu erwähnen, Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft müssten mit den Zielen des Klimaschutzes »versöhnt« werden. Man habe daher eine Kohlekommission eingesetzt und sich entschieden, bis 2038 »planbar und berechenbar« den Kohleausstieg zu bewältigen. Das erscheine den Schülern sicher als eine lange Zeit, aber sie werbe darum, »dies zu verstehen«.

Dass man bei der Demo in Hamburgs City am Freitag jemanden gefunden hätte, der dieses Verständnis aufbringt, lässt sich ziemlich sicher ausschließen. »Lasst uns Luft« stand auf selbstgemachten Pappschildern, »Es gibt keinen Planeten B« oder »Warum lernen ohne Zukunft?«. An der Spitze des Aufzugs, der am Gänsemarkt startete, trugen Fünft- und Sechstklässler ein Spruchband mit der Aufschrift »March now or swim later« (Marschiere jetzt oder schwimme später). Von den Häuserwänden hallten Sprechchöre wider wie »Kohlekonzerne baggern in der Ferne, zerstören unsere Umwelt nur für'n Batzen Geld.«

Auf dem Rathausmarkt, Ziel der Demo, spielte eine Schüler-Big-Band auf einer kleinen Bühne »The Eye of the Tiger«. Der Klimaforscher Mojib Latif ermutigte die streikenden Schüler. »Ich setze auf Euch«, rief er aus, es müsse sich in Sachen Klimaschutz endlich wirklich was ändern. Als Greta Thunberg die Bühne enterte, wurden überall die Smartphones zum Filmen in die Höhe gereckt. »Wir lassen uns unsere Zukunft nicht stehlen«, rief sie auf Englisch aus. Man werde weiterstreiken bis die Politik etwas unternehme. Die Schüler jubelten.

Offenbar unter dem Eindruck des großen Medienechos auf den Besuch Thunbergs lenkte auch Hamburgs Schulbehörde ein. Am Donnerstag hatte die Behörde noch humorlos verkündet, wer mitdemonstriere, werde als Schulschwänzer betrachtet und müsse mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen. Kurz nach der Demo erklärte Schulsenator Ties Rabe (SPD) laut Taz vom Freitag, am letzten Tag vor den Ferien wolle man »mit Augenmaß« reagieren, wenn jemand einmal wegen der Demo nicht zur Schule gehe. Das sei aber eine Ausnahme.

Das Medienaufgebot glich am Freitag dem eines Staatsbesuches. Tagesschau, Deutsche Welle, ZDF, Sat. 1, der Nachrichtensender N-TV, alle waren sie da. Die meisten bürgerlichen Blätter berichteten neutral bis wohlwollend. Lediglich konservative Leitmedien arbeiteten sich an den Schülerprotesten ab. Jasper von Altenbockum etwa schrieb in der FAZ, nicht vor dem Klimawandel müsse man Angst haben, »sondern vor einer Politik, die sich die Panik Greta Thunbergs zunutze macht (oder diese erst geschaffen hat)«. Natürlich soll so der Verdacht genährt werden, »Fridays for Future« würde von interessierter Seite instrumentalisiert. Merkels Podcast und andere, auch am Freitag zu beobachtende Reaktionen auf die Thunberg-Visite legen eine andere Vermutung nahe: dass die Bewegung eingemeindet und ihr jede systemkritische Spitze genommen werden soll.

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