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Aus: Ausgabe vom 05.03.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Betriebsbesetzungen in Griechenland

Seife für den Klassenkampf

Der selbstverwaltete griechische Betrieb Viome feierte sein sechsjähriges Bestehen
Von Christian Kaserer
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Viome-Arbeiter in Thessaloniki protestieren vor Gericht gegen Versteigerung

Die griechische Staatsschuldenkrise vernichtete seit 2010 unzählige Existenzen und trieb Tausende Firmen in die Pleite. Entgegen der Behauptungen von Merkel, Tsipras und Co ist die Krise auch heute nicht überstanden: Den Griechinnen und Griechen geht es dank der rigiden Sparpolitik noch schlechter als wenige Jahre zuvor. Über zehn Rentenkürzungen, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit von fast fünfzig Prozent sowie die niedrigen Löhne ließen in diesen neun Jahren unzählige Menschen in andere europäische Länder auswandern.

Inmitten der Krise jedoch erlebt die betriebliche Selbstverwaltung eine neue Hochzeit. Mehr als 8.000 selbstverwaltete Firmen und Kooperativen sollen sich in den letzten neun Jahren gegründet haben und ein Ende des Trends ist, wie beim griechischen Martyrium selbst, nicht in Sicht. Während die meisten dieser Projekte kaum über lokale Bekanntheit hinauskamen, haben es die in Thessaloniki ansässigen Seifenfabrikanten von Viome inzwischen zu internationaler Berühmtheit gebracht. Bei ihrer spannungsvollen Geschichte ist das freilich auch kein Wunder.

Ursprünglich produzierte der Betrieb für Philkeram-Johnson Fliesenkleber, doch der Konzern schlitterte bereits 2009 allmählich in den Konkurs. »Eines Tages standen wir dann ohne Vorwarnung vor verschlossenen Türen. Manche von uns hatten bereits seit eineinhalb Jahren kein Gehalt mehr bekommen und gerade für die war der Schock dann besonders groß«, erklärt Nicole, eine Arbeiterin bei Viome. Aus der Verzweiflung heraus gründete sich eine Solidaritätsinitiative, die gemeinsam mit diversen linken Gruppen darüber beriet, wie man nun am besten vorgehen sollte. »Wir entwickelten die Idee, dass wir doch einfach die Fabrik besetzen und dort Seife herstellen könnten. Das Know-how dafür hatten wir ja und brauchen kann Seifen jeder Mensch«, schildert die studierte Chemikerin, die auch für die Rezepturen verantwortlich ist.

Die Idee ging auf und so bietet Viome nun 24 Personen ein geregeltes Einkommen und die verschiedenen Seifen und Reinigungsprodukte werden in ganz Europa von solidarischen Organisationen verkauft. Doch nicht nur für die Seifen, auch für die Art der Organisation selbst interessieren sich inzwischen immer mehr Personen. »Einen Chef brauchen wir hier nicht. Jeden Tag um sieben in der Früh treffen wir uns und besprechen, was heute zu tun sein wird und welche Anfragen hereingekommen sind. Größere Entscheidungen werden in mehrstündigen Meetings getroffen, und um die Herausbildung von Hierarchien zu vermeiden, wechseln wir uns in der Aufgabenverteilung nach den Fähigkeiten der einzelnen Personen regelmäßig ab«, erklärt sie weiter. Auch die Rohprodukte wie beispielsweise Olivenöl oder Essig erwirbt man nach Möglichkeit von regionalen Kooperativen, anstatt von global agierenden Konzernen.

Der von Viome produzierte Mehrwert wird einerseits in Sozialprojekte wie beispielsweise eine Sozialklinik investiert, andererseits allerdings auch für schwierige Zeiten angespart. Denn trotzdem die Seifenfabrik für viele Menschen ein leuchtendes Beispiel für linke politische Praxis geworden ist, bleibt die Zukunft ungewiss. So gehört das Gelände immer noch dem maroden Mutterkonzern Philkeram, der regelmäßig versucht, es zu versteigern. Ein Käufer allerdings fand sich trotz mehrmaliger Versuche nicht. Doch auch die Maschinen sollen versteigert werden und einige davon haben die Fabrikbesetzer nun auch kostengünstig selbst erworben. Eine Methode, die sie bei der Fabrik allerdings ablehnen.

So fordert man von der Syriza-Regierung die kostenfreie Überlassung des Geländes und argumentiert mit etwa zwei Millionen Euro, die Philkeram den Arbeitern schulde. Und obwohl die Truppe von Tsipras den anfänglichen Versprechen keine Taten folgen ließ, feierten die Arbeiter am 23. und 24. Februar das mittlerweile sechste Jubiläum der Fabrikbesetzung mit einem großen Fest, dem mehrere hundert Gäste beiwohnten. In die Zukunft blicken die Seifenfabrikanten trotz der Schwierigkeiten positiv, denn jeder Tag gelebter linker Praxis ist ihnen lieber, als mit einem Arbeitslosengeld von 360 Euro daheim herumzusitzen und still auf bessere Zeiten zu hoffen.

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