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Unterdrückung und Solidarität

Darf einem unterdrückten Volk vorgeschrieben werden, wann oder ob es ein anderes unterdrücktes Volk solidarisch unterstützen darf?
Von Mumia Abu-Jamal
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Solidarität mit der palästinensischen Intifada in Südafrika

In den vergangenen Wochen sind einige führende afroamerikanische Persönlichkeiten zu Unrecht mit dem Etikett des »Antisemitismus« gebrandmarkt worden. Die bekanntesten unter ihnen sind sicher die als »Ikone der Bürgerrechtsbewegung« verehrte radikale Aktivistin Angela Davis und der brillante junge Wissenschaftler und Autor Marc Lamont Hill.

Als direkte Folge dieser Vorwürfe wurde Davis ein Menschenrechtspreis verweigert, mit dem sie ursprünglich im Februar durch das Bürgerrechtsinstitut in Birmingham, Alabama, ausgezeichnet werden sollte. Und Hill verlor seinen Posten als Kommentator beim US-Fernsehsender CNN. Im Grunde wurden beide nur deshalb mit dem Vorwurf des »Antisemitismus« attackiert, weil sie es gewagt hatten, sich öffentlich an der Seite der Palästinenser zu positionieren und zu kritisieren, dass ihnen unter der israelischen Besatzungsmacht Menschenrechte verweigert werden.

Das führt uns zu der offensichtlichen Frage, wer eigentlich das Recht hat, einem unterdrückten Volk vorzuschreiben, wann oder ob es ein anderes unterdrücktes Volk solidarisch unterstützen darf? Kaum jemand wird die Repressionen und die Unterdrückung leugnen wollen, der die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika seit den Zeiten der Sklaverei ausgesetzt ist. Die Folgewirkungen dieses Rassismus bis in unsere Gegenwart sind so zahlreich und dramatisch, dass sie an dieser Stelle nicht annähernd aufgeführt werden können. Genauso wenig kann das soziale Elend geleugnet werden, in dem die palästinensische Bevölkerung seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 steckt. Die Enteignung von Land, die unzähligen Verhaftungen und Internierungen und die militärische Besetzung von arabischen Dörfern und Städten und vieles mehr sind eine Tatsache. Wie kommt es dann, dass die Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung durch die schwarze Bevölkerung der USA als »antisemitisch« verunglimpft wird?

Als Barack Obama im November 2008 zum 44. US-Präsidenten gewählt wurde und unter seiner Regierung US-Diplomaten die Regierung Israels aufforderten, ihre illegale Siedlungspolitik in den palästinensischen Gebieten zu beenden, tauchten sofort danach Plakate an Hauswänden in Tel Aviv auf, die Obama mit einer arabischen Kufiya-Kopfbe­deckung zeigten und die Aufschrift »Judenhasser« und »Antisemit« trugen. Und das ausgerechnet einem Barack Hussein Obama, der während seines Wahlkampfs der Lobbyorganisation American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) gegenüber geschworen hatte, alles für den Schutz und die Verteidigung Israels zu tun!

Weder Angela Davis noch Marc Lamont Hill sind in irgendeiner Weise antisemitisch eingestellt. Sie sind gegen jede Form von Unterdrückung, und ihre Haltung ist antirassistisch und antiimperialistisch. Und deshalb hat niemand, wirklich niemand das Recht, ihnen vorzuschreiben, ob sie mit ihrer Solidarität ein unterdrücktes Volk unterstützen dürfen oder nicht.Übersetzung: Jürgen Heiser

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