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Aus: Ausgabe vom 01.03.2019, Seite 4 / Inland
Mietenwahnsinn

Sportschule von Verdrängung bedroht

Eigentümer verlangt drastisch höhere Miete. Nachbarschaft und Bezirksverordnete solidarisch
Von Marc Bebenroth
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Schülerinnen und Schüler protestieren in der Bezirksverordnetenversammlung für den Erhalt der Kiezinstitution (Berlin-Kreuzberg, 27.2.2019)

In Berlin-Kreuzberg hat ein Immobilienbesitzer eine seit Jahrzehnten etablierte Sportschule ins Visier genommen. Die Betreiber der »Yayla-Sportschule« in der Forster Straße am Görlitzer Park sollten am Donnerstag auf Verlangen des Vermieters, der Firma »Elfte Berlin Fonds Minerva Internationale Immobilienprojekte«, das Gebäude räumen, wie die Nachbarschaftsinitiative »Gloreiche Nachbarschaft« am Donnerstag mitteilte.

Grund für die Aufforderung zur Räumung ist demnach die Weigerung der Yaylas, einen zuvor unterbreiteten Nutzungsvertrag zu unterzeichnen. Die Firma hatte der Mitteilung zufolge den Schulleiter Karen Yayla vor die Wahl gestellt, entweder die doppelte Miete zu zahlen oder die Sportschule »nur noch an vier Wochentagen für jeweils sechs Stunden« in den angemieteten Räumen zu betreiben.

Die Kreuzberger Yayla-Sportschule bietet seit ihrer Gründung vor 30 Jahren Kurse im koreanischen Selbstverteidigungssport Taekwondo an. Die Rolle der Schule und ihres Leiters geht allerdings weit darüber hinaus, wie Stefan Klein von »Gloreiche Nachbarschaft« im Gespräch mit junge Welt am Donnerstag erklärte. Mit »völligem Unverständnis« blicke die Initiative auf einen Vermieter, der »sein Profitinteresse über das Gemeinwohl und insbesondere über das Wohl der Kinder« stelle. Das Verschwinden einer wichtigen sozialen Anlaufstelle im Kiez »können wir als ›Gloreiche Nachbarschaft‹ nicht zulassen«, sagte Klein.

Ihm zufolge sei Yayla so etwas wie eine Institution. Die Schüler blickten mit Respekt und Bewunderung auf ihren Lehrer, der Vorbild und Autoritätsperson sei. Aktuell besuchen nach Angaben der Nachbarschaftsinitiative 70 Erwachsene sowie 160 Kinder und Jugendliche die Taekwondo-Kurse. Die Schule biete »über die Trainingszeiten hinaus viele gemeinsame Aktivitäten« und sei »zu einem sozialen Treffpunkt« geworden.

Nicht nur Nachbarschaftsinitiativen wie »Gloreiche« oder »Bizim Kiez« solidarisierten sich mit der Schule. In einer Resolution vom 19. Februar an die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg hatte BVV-Mitglied Timur Husein (CDU) zum Erhalt der Sportschule aufgerufen. Die Resolution wurde mittlerweile einstimmig verabschiedet. Damit nimmt die BVV »mit großer Sorge zur Kenntnis«, dass die Einrichtung »in ihrer Existenz bedroht ist«. Denn diese Schule sei für Kinder und Jugendliche im Kiez »mehr als ein Ort zum Verweilen«. Sie sei »ein Ort der Integration«. Schließlich appellierte die BVV an den Eigentümer der Immobilie und forderte diesen auf, einen neuen Mietvertrag mit Karen Yayla zu vereinbaren, welcher den »dauerhaften Bestand« ermögliche, aber auch die »legitimen Interessen« des Vermieters »berücksichtigt«.

Die angemietenen Räumlichkeiten wurden bislang nicht ganztätig genutzt, da Kurse nur nachmittags und abends angeboten werden. Stefan Klein zufolge habe sich der Schulleiter mittlerweile darum bemüht, weitere Träger zu finden, die vor allem in den Vormittagsstunden die Räume nutzen. Die Suche sei allerdings vergeblich verlaufen. Karen Yayla plane nun, neben den Sportkursen für die Kinder und Jugendlichen zusätzliche Fitnessprogramme für ältere Menschen anzubieten. Damit wäre für eine höhere Auslastung und zusätzliche Einnahmen gesorgt, erklärte Klein.

Aktuell soll der öffentliche Druck auf das Immobilienunternehmen aufrechterhalten werden. Dazu haben Schülerinnen und Schüler, ihre Familien sowie Unterstützer aus dem Kiez zu einer Solidaritätskundgebung aufgerufen. An diesem Sonnabend von 14 bis 16 Uhr soll in der Forster Straße 4 die Forderung nach dem Erhalt und nach einem wirklich fairen Mietvertrag bekräftigt werden.

Infos unter: www.gloreiche.de

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