Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.02.2019, Seite 8 / Ausland
Frauenstreik in Spanien

»Einflussreichste soziale Bewegung in Spanien zur Zeit«

Frauenstreik am 8. März. Spanische Feministinnen suchen Verbindung zu gewerkschaftlichen Kämpfen. Gespräch mit Ana Rincón
Interview: Miguel Sanz Alcántara und Rabea Hoffmann
RTS1MR1F.jpg
Frauenstreik im spanischen Malaga (8.3.2018)

Am 8. März ist Frauenstreik. Sie waren im vergangenen Jahr eine der Organisatorinnen des Protestes im spanischen Sevilla. Wie verlief die Aktion damals?

Der Streik am 8. März 2018 war mit landesweit fünf Millionen Beteiligten ein Riesenerfolg. Es ist durchaus bemerkenswert, dass daran sehr viele Frauen teilnahmen. Ihre Arbeitsbedingungen sind häufig prekär, weswegen für viele Streiken schwierig ist. In der Universität von Sevilla, an der ich arbeite, protestierten weibliche und männliche Beschäftigte gemeinsam. Ausschlaggebend dort war die praktische Solidarität der Studierenden mit den Streikenden. Sie sorgten in Form von Streikposten dafür, dass der Universitätsbetrieb komplett lahmgelegt wurde. Danach zogen sie weiter und vereinten sich mit den Arbeiterinnen, die sich vor ihren Betrieben versammelt hatten. Abends trafen sich unzählige Frauengruppen spontan im Stadtzentrum von Sevilla. Dort ging der Ausstand in Form einer riesigen Demonstration zu Ende.

Welche Ziele werden durch den Frauenstreik verfolgt?

Er soll verdeutlichen, in wie vielen Bereichen Frauen in prekären Umständen leben und ausgebeutet werden. Deswegen wird an dem Tag in den Betrieben und in Bildungseinrichtungen gestreikt, aber auch im Bereich der Care- und Pflegearbeit. Strategisch gesehen ist das Ziel, feministische Forderungen in den Vordergrund zu stellen und Frauen als politische Subjekte zu stärken. Das wirkt sich direkt auf ihr Arbeitsleben aus, auf ihre Beziehung zu Vorgesetzten oder Arbeitskollegen.

Auch die großen spanischen Mehrheitsgewerkschaften riefen im letzten Jahr zum Generalstreik auf. Wie haben Sie das geschafft?

Von lokaler bis überregionaler Ebene sind Strukturen der feministischen Bewegung aufgebaut worden, die schnell gewachsen sind. Die Dynamik erinnert an die Organisationsprozesse der linken Bewegung »15M« ab 2011. Die Mehrheitsgewerkschaften haben mit Besorgnis beobachtet, dass in den Betrieben eine von ihnen unabhängige Bewegung aktiv geworden ist – und das mit Hilfe einer ihrer Kampfmethode, dem Streik. Aufgrund der positiven Erfahrung von 2018 haben die Gewerkschaften dieses Jahr einen 24stündigen Ausstand am 8. März ausgerufen, anstelle der letztlich eher symbolischen zwei Stunden Generalstreik vom letzten Jahr.

Die Feministinnen bilden zur Zeit die einflussreichste soziale Bewegung im spanischen Staat. Das hat zu einem Sinneswandel in den Mehrheitsgewerkschaften geführt. Zwischen der feministischen und der Gewerkschaftsbewegung gibt es fließende Übergänge. Viele Genossinnen sind gleichzeitig Gewerkschafterinnen. So werden Erfahrungen von einem Bereich auf den anderen übertragen und umgekehrt.

Was für politische Debatten haben die Streikvorbereitung begleitet?

In einer Kontroverse ging es ­darum, ob sich der Frauenstreik auch an Männer richtet. Meiner Meinung nach sollten Männer und Frauen am 8. März gemeinsam auf die Straße gehen. Wir wollen, dass die gebündelte Macht weiblicher und männlicher Beschäftigter den Forderungen der Frauen Nachdruck verleiht. Dafür müssen wir zusammen kämpfen. Das heißt in diesem Fall, von den Männern zu erwarten, dass sie zusätzlich Sorge- und Pflegearbeiten übernehmen, während die Frauen streiken.

Wie bereiten Sie sich vor?

Wir haben zu offenen Versammlungen in den Betrieben aufgerufen und Treffen weiblicher Basismitglieder aus unterschiedlichen Gewerkschaften organisiert. Hauptamtliche Funktionäre werden dazu nicht eingeladen – Frauen soll die Möglichkeit gegeben werden, ihre eigenen Anliegen zu formulieren. Um möglichst viele für den Frauenstreik zu gewinnen, ist es wichtig, feministische Forderungen mit den Anliegen der Belegschaft zusammenzubringen.

Ana Rincón ist Betriebsratsvorsitzende des akademischen Mittelbaus in der Universität von Sevilla und Mitglied der andalusischen Gewerkschaft SAT. Sie hat im Frühjahr 2018 den dritten unbefristeten Streik von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universität von Sevilla angeführt. Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung nahm sie Mitte Februar an der »4. Konferenz gewerkschaftliche Erneuerung« in Braunschweig teil.

Ähnliche:

  • Vorbilder. Demonstration gegen die Gewalt an Frauen am 24. Novem...
    14.02.2019

    »Uns reicht’s«

    Frauen werden gesamtgesellschaftlich immer noch schlechter behandelt als Männer. Der Frauenstreik ist ein wirksames Mittel, diese Verhältnisse zu ändern, und zugleich elementarer Teil des weltweiten Klassenkampfs

Regio:

Mehr aus: Ausland