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Aus: Ausgabe vom 26.02.2019, Seite 5 / Inland
Ökologie

Gegenöffentlichkeit geht verloren

Forschungsstelle von Atomkraftgegnern »Intac« muss nach 40 Jahren schließen
Von Juliane Dickel
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Vertreter der »Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad« bei einer Demo vor dem Atomkraftwerk in Lingen (29.10.2016)

Im März 2019 geht das Gutachterbüro »Intac« in Rente, das vor 40 Jahren als »Gruppe Ökologie« (GÖK) gegründet wurde und die Fachdiskussion um Atomstandorte wie Gorleben, Asse II und Schacht Konrad sowie grundsätzliche Sicherheitsfragen maßgeblich geprägt hat.

Im Zuge der Antiatomkraftproteste schlossen sich Ende der 1970er Jahre kritische Wissenschaftler zusammen, um Aktivisten mit sachlich fundierten Argumenten zu unterstützen. Das Öko-Institut (1977), die Gruppe Ökologie (1979) und das Umweltinstitut München (1986) entwickelten unterschiedliche Betriebsstrukturen und Geschäftsstrategien.

Die Gruppe Ökologie entstand 1979 als Folge des Gorleben-Hearings, zunächst als Zweigstelle Hannover des Öko-Instituts, ab 1980 selbständig. Zunächst durch Spenden finanziert, übernahm sie zunehmend bezahlte Aufträge. Daher wurde 1988 eine GmbH gegründet, die seit 1994 Intac heißt. Zu Atomenergie seien schnell Themen gekommen wie Abfallwirtschaft, Altlasten und Lärmschutz, erläuterte Diplom-Physiker Wolfgang Neumann, der seit 1988 dabei ist, gegenüber jW: »Als ich die Anzeige der Gruppe Ökologie gesehen habe, wusste ich, da kann ich meine Vorstellungen umsetzen«, erinnert sich der Westberliner. Das Besondere: Sie war immer selbstverwaltet in Hand der Belegschaft, es gab nie Hierarchien, dafür interdisziplinäres Arbeiten und gleiches Geld für alle. Bis zu 20 Personen seien sie gewesen – mit Zivildienstleistenden und Praktikanten. Heute sind sie nur noch zu zweit. Der zweite ist ­Diplom-Geologe Jürgen Kreusch.

Seit den 80er Jahren arbeitete die GÖK für die Kritiker von Schacht Konrad als Gutachter und Sachbeistand. Neumann und Kreusch waren als unabhängige Berater im Asse-2-Begleitprozess involviert – vorgeschlagen von Betroffenen und Landrat, bezahlt vom Bundesumweltministerium. Für Verbände und Bürgerinitiativen entwickelten sie gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern grundsätzliche Positionen zum Umgang mit Atommüll, die nach und nach zum Bezugspunkt der öffentlichen Auseinandersetzung wurden. Als Gutachter wirkt Neumann bis Betriebsende noch an mehreren Akw-Stilllegungsverfahren mit, Kreusch ist im Beirat Entsorgung des Schweizer Energieministeriums.

Ihre Expertise wird geschätzt, aber jedes Jahr stand die Finanzierung zur Disposition. Asta von Oppen, Sprecherin der Rechtshilfegruppe Gorleben, weiß um die Verdienste: »Sie haben dazu beigetragen, die Einlagerung der Castoren um Jahre zu verhindern und die Technik wesentlich zu verbessern«, sagte sie zu jW. Dies sei aber nur möglich gewesen, weil die Wissenschaftler für einen Hungerlohn gearbeitet hätten.

Viel Idealismus, wenig Verdienst. Und dann gingen in den 90er Jahren die Aufträge merklich zurück. Durch den Solidaritätszuschlag Ost hatten Kommunen kein Geld mehr.

Das Öko-Institut hatte sich bereits Mitte 80er Jahre vorausschauend um Aufträge staatlicher Institutionen bemüht, da die reine Arbeit für Basisinitiativen und Umweltverbände kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell gewesen wäre, erklärt Geschäftsführer Michael Sailer. Mittlerweile arbeiteten dort 170 Personen.

Das Erfolgsmodell des Öko-Instituts war für die Intac keine Option, stellt Neumann klar: »Wir haben immer darauf geachtet, unabhängig zu bleiben. Wenn Aufträge von Ministerien einen Großteil des Jahresumsatzes ausmachten, haben wir das im nächsten Jahr wieder zurückgedrängt.«

Das Umweltinstitut München, das sich gegen Atomkraft, für gentechnikfreies Essen, nachhaltige Energiewende und ökologischen Landbau einsetzt, wird finanziert durch Spenden und Fördermitglieder und zum geringen Teil durch projektbezogene Unterstützung. Auch hier findet aktuell ein Generationenwechsel statt, so Mitbegründerin Christina Hacker. Vor allem im Bereich Radioaktivität sei es schwierig gewesen, Nachfolger zu finden.

Zwar konnte die Intac immer wieder junge Menschen für ihr prekär-idealistisches Geschäftsmodell begeistern, so Neumann, aber nicht halten. Neumann und Kreusch sind nun im Rentenalter. Und so schließt die Intac im März 2019 endgültig. Von Oppen hofft, dass die Lücke teilweise staatlich gefüllt werden kann, denn die Forschung zu Sicherheitsfragen, Lagerung und Entsorgung hat gerade Konjunktur, auch dank der Arbeit kritischer Wissenschaftler.

Eine Generation lang war die Intac Basis und Bezugspunkt intensiver wissenschaftlicher Arbeit. Voraussetzung waren sowohl ihre Unabhängigkeit als auch die persönliche Bereitschaft, Wissen nicht nur zu schaffen, sondern sich darüber auch in gesellschaftlichen Konflikten auseinanderzusetzen. Die fachlichen Ergebnisse werden überdauern. Der Versuch, gesellschaftlich verpflichtete, nicht staatlich finanzierte Intensivforschung in einem hierarchiefreien, selbstverwalteten Betrieb zu treiben, einstweilen wohl nicht.

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