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Aus: Ausgabe vom 25.02.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Verkürzte Perspektive

Nation, Identität und Rojava

Mehr Fragen als Antworten: Kerem Schambergers und Michael Meyens Buch über die Kurden wird der Komplexität des Themas nicht gerecht
Von Ekkehard Pohl
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7.000 Demonstranten forderten am 16. Februar 2019 in Strasbourg die Freilassung von Abdullah Öcalan

Die Verfasser des Buches sind Kommunikationswissenschaftler mit recht unterschiedlicher Nähe zum Thema. Kerem Schamberger befasst sich bereits seit Jahren mit den Kurden. Koautor Michael Meyen, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist nach eigener Aussage »bisher weit weg von dieser Frage, als gelernter Journalist aber in der Lage, Schambergers Wissen in eine lesbare Fassung zu gießen«. Er »kam unter anderem zu den Kurden, weil Nation und Medien zusammenhängen«.

Schamberger und Meyen lassen in ihrem Buch über das vermeintlich »größte staatenlose Volk der Welt« (eigentlich sind das die Tamilen) vor allem Fürsprecher der PKK zu Wort kommen, die nach eigenem Bekunden solidarische »Vermittler«, »Aufklärer« und »Aktivisten« sind. Als Beispiel sei Ercan Ayboga genannt, der sich selbst als »schon auch kritisch« verstanden wissen will: »Ich will ja keine Propaganda machen. Das merken die Menschen.« Über die Zielsetzung des Bandes erfährt der Leser am Ende des ersten Kapitels: »Verstehen, was in der Türkei passiert und was in Rojava, und das dann weitergeben. Westeuropa über das informieren, was nicht in den Zeitungen steht.«

Der Untertitel des Buches spitzt die Ereignisse im Nahen Osten auf die Aspekte »Unterdrückung« und »Rebellion« zu. Hier wird impliziert, »die« Kurden lebten zwischen einer permanenten Unterdrückung einerseits und andauernder Rebellion andererseits. Der sachliche Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei erstens auf der Darstellung der PKK als einzig legitimer kurdischer Partei. Zweitens geht es um die Präsentation Abdullah Öcalans als einzig legitimem »Führer« der Partei: Er sei bei seinen Gefolgsleuten und Sympathisanten unumstritten und unanfechtbar in seiner Autorität als »Philosoph, Revolutionstheoretiker und Friedensstifter«. Drittens befassen sich Schamberger und Meyen mit der Situation der Kurden in der Türkei und in Syrien, als deren alleinige Vertreter die PKK bzw. die ihr in Syrien »nahestehende« PYD und deren militärische Suborganisationen präsentiert werden.

Nicht das ganze Bild

Diese Perspektive »übersieht« kurdische Politiker mit dynastischen Allüren im Irak, die einer nach wie vor tribalistisch strukturierten Gesellschaft und ihren Institutionen vorstehen. Hier erst wird die Vielfalt unterschiedlicher, rivalisierender politischer Lager augenfällig. Die Kollaboration dieser kurdischen Fraktionen mit den jeweiligen Staaten oder anderen Akteuren zur Verwirklichung eigener Interessen und unterschiedlicher politischer Vorstellungen ist dabei nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall: das Streben nach Unabhängigkeit (Barsani/KDP) auf der einen Seite oder ein Verbleib in den jeweiligen Staaten mit kurdischen Bevölkerungsanteilen auf der anderen Seite, ohne die bestehenden Staatsgrenzen in Frage zu stellen (Talabani/PUK und mittlerweile auch Öcalan), und eine (vermeintliche) Abkehr vom Nationalismus als einem europäischen, mit der »mittelöstlichen Identität« nicht kompatiblen Konzept (Öcalan, PKK/PYD).

Geschichtliche, politische und geographische Informationen über die Kurden werden von Schamberger und Meyen leider in mitunter bedenklicher Manier verkürzt, bruchstückhaft und zum Teil auch grob fehlerhaft präsentiert – etwa wenn Aleppo zur kurdischen Me­tropole mutiert. Diese auffällig selektive Darstellung insbesondere historischer Fakten zieht sich durch die gesamte Arbeit hindurch. Zudem ist die Gliederung des Buches weder konsequent chronologisch noch systematisch. Das erschwert die Lektüre und den inhaltlichen Nachvollzug. Ein Literaturverzeichnis fehlt. Die vereinfachende Wiedergabe von Lektürewissen führt zu handwerklichen Fehlern. Exemplarisch hierfür ist die auf S. 40 gegebene, religionswissenschaftlich nicht korrekte Definition der beiden Hauptrichtungen im Islam. Schamberger und Meyen zitieren die beiden Autoren Martin Strohmeier und Lale Yalcin-Heckmann ungenau, wenn sie schreiben, die Schiiten würden nur Ali folgen. Die Lektüre der zitierten Literatur zeigt jedoch, dass die Schiiten an Mohammed und an seinen Nachfolger Ali glauben und ihnen folgen.

Nach der kurzen Vorstellung Rojavas als Labor für die Verwirklichung des neuen Gesellschaftskonzepts (»Demokratischer Konföderalismus«) läuft der Erzählstrang schließlich auf die Hauptprotagonisten Abdullah Öcalan und Recep Tayyip Erdogan zu. Die Politik in »Erdogans Türkei« wird zugespitzt zu der Formel »AKP versus HDP«. Nach einer kurzen Biographie Öcalans werden sein Bruch mit dem Marxismus-Leninismus und seine Idee des »Demokratischen Konföderalismus« beschrieben. Da dieser Begriff mit der materiellen Realität der kurdischen Gesellschaft nicht vermittelt wird, entsteht der Eindruck, dass Öcalan seine neue gesellschaftspolitische Vision einer »mittelöstlichen Identität« mythologisch ableitet. Erklärtes Ziel ist eine gesellschaftliche Neuordnung, die auch für viele Akteure »westlicher« Reformdiskurse attraktiv sein mag: kommunale Selbstverwaltung (Räte), Verwirklichung von Frauenrechten, dazu eine ökologische Ausrichtung der Wirtschaft. Dieser Paradigmenwechsel Öcalans wird von Schamberger und Meyen nachdrücklich propagiert. Das Buch bietet sodann eine Analyse der Folgen der Invasion von »Erdogans Armee« in Nordsyrien im Januar 2018 und weitere Einblicke in den von den PYD/SDK kontrollierten, überwiegend von Kurden bewohnten Teil Syriens, mit all seinen Facetten und Widersprüchen.

Die Autoren lassen ihre Gesprächspartner ausführlich zu Wort kommen. Deren Beiträge werden teilweise von verknüpfenden Einschüben und Kommentaren unterbrochen. Es wird dabei nicht immer klar, welche Gedanken die von Schamberger/Meyen und welche die der Sprecher sind. Vielleicht ist das auch so gewollt: Mit einer Fülle von Einzelmeinungen und zusätzlichen Informationen, die sich wiederholen und durch eine emphatische Schreibweise verstärkt werden, wird dem Leser eine Solidarisierung mit dem Projekt Rojava nahegelegt.

Zweierlei Nationalismus

Der Begriff »Nation« wird von Schamberger und Meyen in Anlehnung an Eric J. Hobsbawm und Benedict Anderson verwendet. Die Autoren präsentieren Nationalismus und Nationenbildung als künstlich geschaffene Konzepte des späten 18. Jahrhunderts, die durch Druckerzeugnisse verbreitet wurden. Die Kritik am Nationalismus, nicht nur dem kemalistischer Prägung, als eines nicht naturgegebenen kulturellen Produkts mündet in die vollständige Ablehnung der kemalistischen Revolution. Diese Ablehnung korrespondiert mit der Auffassung einiger Gesprächspartner, dass sämtliche Reformen Atatürks ausschließlich darauf ausgerichtet waren, »die« Kurden zu unterdrücken und sie ihrer Kultur zu berauben: »Der gleiche Mustafa Kemal schafft dann das Kalifat ab und de facto auch den Kurdischunterricht, weil er die Religionsschulen schließen lässt. Und er geht rigoros gegen alles Kurdische vor, auch mit Hilfe von Ismet Pascha, dessen Vater selbst ein Kurde war.« Die Autoren übergehen an dieser Stelle, dass Ismet Pascha »trotz« seiner Herkunft Ministerpräsident des neu geschaffenen Staates war. Die Einführung des Laizismus und der Säkularisierung, das »Verschwinden« islamischer Gerichte (1924) und die Streichung des Islam als Staatsreligion aus der türkischen Verfassung (1928) werden in dem Buch einseitig als Instrument zur Unterdrückung »der« Kurden interpretiert.

Der ostentativen Ablehnung des Konzepts »Nation« als materielles Ergebnis menschlicher Einbildungskraft steht die merkwürdig unvermittelte Parteinahme für den kurdischen Nationalismus gegenüber, vertreten etwa durch den Politikwissenschaftler Kardo Bokani, einem »Propagandisten der kurdischen Sprache«, der betont, dass »das kurdische Nationalbewusstsein relativ jung sei, ermöglicht erst durch Internet und Satellitenfernsehen« – in Analogie zu den Nationenbildungsprozessen mittels Druckereierzeugnissen. Schamberger und Meyen postulieren: »Kurdistan gehört zusammen, selbst wenn Aktivisten wie Ercan Ayboga sagen, dass sie keinen kurdischen Staat brauchen und wollen«.

Ein schwerwiegender Mangel des Buches ist die analytische Minimierung des aktuellen Stellvertreterkrieges in Syrien und hier vor allem der Politik der imperialistischen Mächte, die zur Durchsetzung ihrer Interessen einen »Regimewechsel« anstreben. Die Frage nach der Rolle der USA bei der Verwirklichung von Rojava und der damit einhergehenden militärischen Aufrüstung der PYD/SDK sowie der Einrichtung von US-Militärstützpunkten bleibt unbeantwortet. Ungeklärt bleibt auch, warum es zum Abbruch des »Friedens- und Öffnungsprozesses« in der Türkei und zum Krieg Erdogans gegen die syrisch-kurdischen Städte kam.

Es gibt, wie oben schon angedeutet, auch keine seriöse Beurteilung der PKK – und noch viel weniger ihres »Führers«. Die Verehrung Öcalans nimmt bisweilen messianische Züge an: Einmal sprechen die Autoren von ihm als dem »Meister«. Huldigung und Lobpreisung also, ohne zu fragen, warum genau der »Meister« dem Marxismus-Leninismus und angeblich jeglichem Nationalismus – auch dem eigenen – abgeschworen hat.

Kerem Schamberger, Michael Meyen: Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion. Westend, Frankfurt am Main 2018, 240 Seiten, 19 Euro

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