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Aus: Ausgabe vom 25.02.2019, Seite 1 / Titel
Krise in Südamerika

Schlappe für Guaidó

Gewalt an der Grenze: Venezuelas Sicherheitskräfte verhindern Durchbruch. Tausende demonstrieren in Caracas gegen Drohungen aus Washington
Von Modaira Rubio, Caracas
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»Putsch ist gescheitert«: Das von der venezolanischen Regierung veranstaltete Konzert am Freitag in Tienditas

Die große Demütigung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro durch seinen Gegenspieler, den selbsternannten »Übergangspräsidenten« Juan Guaidó, ist ausgeblieben. Dieser hatte lautstark angekündigt, dass am Sonnabend »so oder so« die im kolumbianischen Cúcuta lagernde »humanitäre Hilfe« über die Grenze nach Venezuela gebracht werde. Gelungen ist das nicht. Statt dessen sieht sich die rechte Opposition des südamerikanischen Landes in einer Sackgasse, während Kolumbiens Staatschef Iván Duque ernsthaften Schwierigkeiten gegenübersteht.

Maduro erklärte dagegen vor Tausenden Menschen, die in der Hauptstadt Caracas gegen die Interventionsdrohungen der USA und die ausländische Einmischung demonstrierten, dass der Putschversuch der Reaktion gescheitert sei. Zudem kündigte er den vollständigen Abbruch aller diplomatischen und konsularischen Beziehungen mit der »faschistischen Regierung« Kolumbiens an. Den Vertretern des Nachbarlandes wurde 24 Stunden Zeit gegeben, Venezuela zu verlassen. In Bogotá kündigte Kolumbiens Außenminister Carlos Holmes Trujillo an, der Ausweisung Folge zu leisten.

Zahlreiche Gegner Maduros waren in den vergangenen Tagen von Venezuela nach Kolumbien gereist, um sich am Freitag das Konzert »Venezuela Aid Live« anzuhören und sich einen Tag später an der von Guaidó angekündigten »Menschenkette« zu beteiligen, mit der die Pakete über die Grenze gebracht werden sollten. Nun sitzen sie fest, weil Caracas am späten Freitag abend die Grenze komplett geschlossen hat. Über Twitter und Instagram beklagten viele von ihnen, dass sie in Kolumbien »gefangen« seien, und baten ihre politischen Führer um Hilfe.

Am Sonnabend war es den ganzen Tag über insbesondere an der Simón-Bolívar-Brücke, dem wichtigsten Grenzübergang zwischen beiden Staaten, zu Szenen der Gewalt gekommen. Provoziert wurden diese von Gruppen, in denen nach Augenzeugenberichten gewöhnliche Kriminelle dominierten. Die Maskierten plünderten sogar zwei Lastwagen der nordamerikanischen Regierungsagentur USAID, die zuvor in Brand gesteckt worden waren. Die alternative kolumbianische Nachrichtenagentur Prensa Rural berichtete, dass die kolumbianische Polizei die vermummten Militanten aus Venezuela ungehindert Molotowcocktails bauen und Barrikaden auf der Grenzbrücke errichten ließen. »Was würde passieren, wenn es sich um Indígenas, Studenten oder Bauern aus Kolumbien gehandelt hätte?«, fragte die Agentur.

Obwohl Guaidó zwischenzeitlich anderes behauptete, gelangten weder aus Kolumbien noch aus Brasilien Lastwagen über die Grenze nach Venezuela. Am späten Abend ordnete die kolumbianische Regierung an, die Fahrzeuge zurück in die Lager zu fahren. Auch ein aus Puerto Rico kommendes Schiff, das ohne Erlaubnis Venezuelas Nordküste anlaufen wollte, drehte ab, als die venezolanische Marine warnte, dass sie eine Verletzung der Hoheitsgewässer nicht dulden und die Besatzung festnehmen werde.

Freddy Bernal, der Regierungsbeauftragte für den venezolanischen Grenzstaat Táchira, erklärte am Samstag abend, 42 Menschen seien verletzt worden, zwei von ihnen durch Schusswaffen. Drei Personen, unter ihnen zwei Beamte der Nationalgarde, seien von Oppositionellen lebendig in Brand gesteckt worden. Ziel der Gewaltaktionen sei gewesen, »Beweise« für die Unterdrückung des »leidenden Volkes« Venezuelas zu liefern, die den USA und ihren Verbündeten dann als Rechtfertigung für eine militärische Intervention dienen könnten.

So attackierten im venezolanischen Grenzort Boca de La Grita rund 3.000 Paramilitärs aus Kolumbien die venezolanische Nationalgarde. Im Internet kursierten Aufnahmen, die Zivilisten auf einem offenbar gekaperten Panzerfahrzeug zeigen. Während der kolumbianische Sender Caracol erklärte, dass die Aufnahmen in Venezuela entstanden seien, gibt es Hinweise darauf, dass sich die Fahrzeuge auf der kolumbianischen Seite der Grenze befanden.

Bernal betonte, dass Boca de La Grita dank der venezolanischen Armee, der Nationalgarde »und der Volksmacht« vollständig »unter Kontrolle der Patrioten« stehe. Normale Bürger hätten die Uniformierten unterstützt: »Wir haben Männer und Frauen im Rentenalter gesehen, die den ganzen Tag über stoisch Kugeln, Flaschenwürfen, Molotowcocktails getrotzt haben.« Bernal wies zudem Berichte der kolumbianischen Behörden zurück, wonach sich mehr als 50 Angehörige der venezolanischen Sicherheitskräfte über die Grenze abgesetzt hätten. Es habe lediglich sieben Fälle von Desertion gegeben.

Guaidó kündigte an, sich am Montag mit US-Vizepräsident Michael Pence zu treffen, um »Maßnahmen zu ergreifen«. Es wird erwartet, dass er Washington um eine militärische Intervention in Venezuela bitten wird. US-Außenminister Michael Pompeo machte »Banden des Tyrannen Maduro« für die Gewalt verantwortlich und erklärte, es sei »an der Zeit, zur Unterstützung der Demokratie zu handeln«.

Siehe auch »Online extra«: »Der Putsch ist gescheitert« – kurzlink.de/jwvenezuela

Debatte

  • Beitrag von David S. aus Jena (25. Februar 2019 um 10:33 Uhr)
    Guaidó und seinen verbündeten US-Imperialisten bleibt nun eigentlich nur noch die Option einer militärischen bzw. paramilitärischen Intervention. Die Verbündeten Venezuelas sollten rasch handeln und militärische Präsenz zeigen. Venezuela wird allein nicht gegen eine Intervention bestehen können. Der daraus resultierende Bürgerkrieg wird das Land über Jahre (siehe Libyen, Syrien …) ins absolute Chaos stürzen, wenn Venezuela nur für sich allein steht.
    • Beitrag von Sebastian T. aus Hannover (25. Februar 2019 um 12:34 Uhr)
      Was ziemlich beschämend ist, dass Russland und China scheinbar mal wieder erst zugesehen haben, wie sich dieser Regime Chambge mit Ansage entwickelt. Anstatt rechtzeitig einzugreifen. Die Einwohnerzahl von Venezuela entspricht der Einwohnerzahl einer mittelgroßem Metropolregion in China ... bei der aktuellen Überproduktion in China sollte es China es wert sein, einfach mal Venezuela zu "fluten" mit all den Produkten, die nicht da sind bzw. zu überhöhten Preisen angeboten werden. Bei geschlossenen Grenzen wird dann ziemlich schnell die Inflation auf nahe Null zurückgehen. Das ist schließlich der Grund für den Unmut auch unter Chavez-Anhängern.
  • Beitrag von Anja B. aus Bochum (25. Februar 2019 um 16:02 Uhr)
    Dass die international zu beobachtende Eskalation der US-Imperialpolitik und die »neoliberale« Beseitigung aller nationalen und internationalen Ausgleichsmechanismen schrankenloser Kapitalakkumulation zusammenhängen, ist mehr als nur deutlich an der gewachsenen globalen Kriegsgefahr bemessbar.

    Um so entschiedener gilt es, überall jede Initiative zu stärken, die dazu beiträgt, den Zug Richtung Totaleskalation eines Weltkriegs überall auszubremsen, um durch Blockade möglichst vieler der zahlreichen und fragmentierten Brandherde dem Zentrum der Eskalation die Möglichkeiten zu nehmen, die Welt weiter in Brand zu stecken – was ohne einen Kollaps nicht möglich sein wird. Dass in den USA selbst die Linke wieder an Stärke gewinnt und sich hoffentlich zunehmend den eigenen Kapitaleliten und ihrem politischen Funktionspersonal in den Weg stellt, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

    In Deutschland dagegen ist bedauerlicherweise nur zu beobachten, dass selbst die Linke, durch Dominanz der Transatlantiker um Liebich und die bourgeoisen Identitären um Katja Kipping, zugunsten eines liebdienerischen Kurses gegenüber hegemonialen Positionen bereit ist, sich zu entkernen. Die Sozialdemokraten scheinen zumindest die Sozialkosmetik wiederzubeleben, was sie jedoch noch weit von einer sozialökonomischen Erneuerung entfernt. Aber global hoffe ich, dass die Chancen eines Wiedererstarkens des Widerstandes gegen Kapitalermächtigung und Kriegspolitik in internationaler Solidarität gar nicht so gering sind.

    So wie es zur Zeit politisch läuft, wird es nicht weitergehen. Wir stehen ernsthaft vor einer Weltkriegsgefahr, wenn der demokratisch-sozialistische Widerstand nicht global an Fahrt gewinnt.

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