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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 15 / Geschichte
Resitenza

Zeichen der Stärke

Vor 75 Jahren Jahren streikten die Arbeiter Norditaliens für ein Ende von Krieg und Besatzung. Die von den Kommunisten organisierte Aktion sollte eine strategische Wende vorbereiten
Von Gerhard Feldbauer
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Mit Massenanhang. Die Kommunisten dominierten die antifaschistische Bewegung gegen Mussolini und die Nazis (Neapel im Dezember 1944)

Am 1. März 1944 traten Hunderttausende Arbeiter in den Betrieben des von der Wehrmacht besetzten Norditalien geschlossen in den Generalstreik. Obwohl viele von ihnen verhaftet und in Arbeits- und Konzentrationslager nach Deutschland verschleppt wurden, hielt der Ausstand eine Woche an und legte in der Rüstungsindustrie bei Fiat in Turin und Pirelli in Mailand die Produktion lahm. Aufgerufen zu der Arbeitsniederlegung hatte das auf Initiative der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP) nach der Okkupation durch deutsche Truppen im September 1943 gegründete Nationale Befreiungskomitee (Comitato di Liberazione Nazionale, CLN).

Der Generalstreik war eine von der IKP gut vorbereitete politische Aktion, die demonstrieren sollte, dass die Arbeiter die entscheidende Kraft des vom CLN ausgerufenen nationalen Befreiungskrieges gegen das deutsche Besatzungsregime waren. Die Kommunisten unterstrichen damit ihre Entschlossenheit und Fähigkeit, auf den Kurs der nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 durch die Palastverschwörer und die von König Vittorio Emanuele III. gebildeten Militärregierung unter Marschall Pietro Badoglio aktiv Einfluss zu nehmen.

Neue Regierung

Vier Wochen nach Streikbeginn, am 27. März, kehrte IKP-Generalsekretär Palmiro Togliatti aus der sowjetischen Emigration nach Salerno im von den Alliierten befreiten und besetzten Süden Italiens zurück, wo die Regierung Badoglio ihren Sitz hatte. Sein spätes Eintreffen wird mit Stalins abwartender Haltung erklärt, der zunächst verfolgen wollte, wie sich die Ereignisse entwickelten. Wie aus den veröffentlichten Tagebüchern des damaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale, Georgi Dimitroff, hervorgeht, beriet sich der Generalissimus mit Togliatti in der Nacht vom 4. zum 5. März über das weitere Vorgehen in Italien.

Am 31. März sprach Togliatti vor dem Nationalrat der Partei über die Stärkung der Einheit der antifaschistischen Kräfte und die Notwendigkeit, eine neue Regierung zu bilden, die durch den Beitritt der CLN-Parteien gestärkt und dadurch in die Lage versetzt werden sollte, die Volksmassen zum Krieg gegen Hitlerdeutschland zu mobilisieren. Togliatti ging von Antonio Gramscis antifaschistischer Bündniskonzeption, dem »Historischen Block«, aus, vermied allerdings, das perspektivische Ziel einer sozialistischen Gesellschaft zu erwähnen. Das hätte die großbürgerlichen Verbündeten ausgeschlossen und die offene Konfrontation mit Badoglio und dem König bedeutet. Togliatti folgte hier Stalin, der laut Dimitroff bereits nach dem faschistischen Überfall am 22. Juni 1941 mit Blick auf die Schaffung einer Anti-Hitler-Koalition die Parteien der Komintern angewiesen hatte, »die Frage der sozialistischen Revolution nicht aufzuwerfen«. Gleichzeitig bekräftigte der IKP-Generalsekretär den Aufruf seiner Partei vom 8. September 1943 zum bewaffneten Widerstand, in dem es hieß: »Die Arbeiterklasse wird die Hauptkraft sein, die das italienische Volk zum Kampf führt, um für immer die Macht der imperialistischen Kräfte, die für den räuberischen Krieg und den Ruin der Nation verantwortlich sind, zu brechen.«

Wende von Salerno

Am 22. April 1944 traten dann die antifaschistischen Oppositionsparteien (IKP, ISP, Aktionspartei, Christdemokraten und Liberale) in das Kabinett Badoglio ein, das damit den Charakter einer antifaschistischen Einheitsregierung annahm und als »Governo nazionale democratico di guerra« (National-demokratische Kriegsregierung) fungierte. Das Ereignis ging als »Wende von Salerno« in die Geschichte ein. Der antifaschistische Widerstand erhielt den Charakter eines nationalen Befreiungskrieges gegen die deutschen Okkupanten. Auf der Grundlage der Dominanz, die die IKP zusammen mit den Sozialisten und der radikaldemokratischen kleinbürgerlichen Aktionspartei im CLN ausübte, gelang es, mit dem Regierungseintritt über lange Zeit Einfluss auf die Regierung auszuüben und so auch im Juni 1944 den Rücktritt Badoglios und die Berufung des Liberalen Ivanoe Bonomi durchzusetzen.

Außenpolitisch wurde »die Wende von Salerno« von der UdSSR flankiert. Orientierung gab die Erklärung der Moskauer Konferenz der Außenminister der USA, Großbritanniens und der UdSSR im Oktober 1943 »Über Italien«, worin festgehalten war, »dass die gemeinsame Politik der Verbündeten in Italien zur völligen Vernichtung des Faschismus und zur Errichtung eines demokratischen Regimes führen muss«. Man war sich im klaren darüber, dass man Bado­glio berücksichtigen musste. Bereits am 8. Januar 1944 war der so­wjetische Vertreter im Advisory Council of Italy, einem auf der Moskauer Konferenz geschaffenen Beobachterrat, mit dem Außenminister Badoglios zusammengetroffen, um die Möglichkeit einer Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu sondieren. Winston Churchill sprach sich danach am 22. Januar unmissverständlich für die Beibehaltung der Monarchie aus und lehnte einen Regierungseintritt der CLN-Parteien ab. Franklin D. Roosevelt befürwortete dagegen am 13. März den »Rückzug Emanuels III. von der Politik« und »die Einbeziehung der Antifaschisten in die Regierung Italiens«. Noch am selben Tag gab die UdSSR daraufhin im Alleingang die diplomatische Anerkennung Bado­glios bekannt. Washington und London folgten dem nicht, ernannten aber Hohe Kommissare. Moskaus Schritt wertete Bado­glios Kabinett auf, stärkte seine Position in der Anti-Hitler-­Koalition und machte den Premier für den Beitritt der CLN-Parteien zugänglich. So wurde die Grundlage für Togliat­tis Vorgehen geschaffen. Mit dem Regierungsbeitritt wurden Churchills Pläne, das zu verhindern, durchkreuzt.

Basis der Einheitsfront

Die entscheidende Grundlage des Zustandekommens einer breiten antifaschistischen Einheitsfront war das von IKP und ISP 1934 geschlossene Aktionseinheitsabkommen. Im Ergebnis des in Spanien gegen die Franco-Faschisten und ihre deutschen und italienischen Verbündeten gefestigten gemeinsamen Kampfes wurde es 1937 mit einem klaren antiimperialistischen Bekenntnis und dem Ziel des »Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft« vertieft.

Das einheitliche Handeln der Arbeiterparteien zog kleinbürgerliche Schichten sowie Angehörige der Intelligenz auf ihre Seite und beeinflusste auch die Haltung des bürgerlichen Lagers einschließlich herrschender Kreise. Studenten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler schlossen sich der antifaschistischen Bewegung an. Alberto Moravia, der bereits 1929 mit seinem Roman »Die Gleichgültigen« den moralischen Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft angeprangert hatte, veröffentlichte 1935 mit »Gefährliches Spiel« Satiren auf den Faschismus. Von Cesare Pavese erschienen unter dem Titel »Arbeit macht müde« aufrüttelnde Gedichte. Elio Vittorini schrieb über die Unterdrückung der Volksschichten auf Sizilien. Renato Guttuso schuf das Gemälde »Erschießung auf dem Feld«, das er dem von den Franco-Faschisten 1936 ermordeten spanischen Dichter Federico García Lorca widmete. Der Bildhauer Giacomo Manzù trat dem Mailänder Kreis antifaschistischer Künstler bei, der die Zeitschrift Corrente herausgab. Die Gruppe Giustizia e Libertà, die zahlreiche Intellektuelle vereinigte, konstituierte sich Anfang 1943 als Aktionspartei (PdA), was der Bildung der antifaschistischen Einheitsfront neue Impulse verlieh.

Auf diesen Prozess wirkten die Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Komintern 1935 zum Kampf gegen Faschismus und Krieg ein. Die IKP verstand es wie keine zweite kommunistische Partei, seine Beschlüsse schöpferisch in die Praxis umzusetzen.

Quellen: Luigi Longo: Viva l’Italia libera! Der Kampf des italienischen Volkes für seine Befreiung vom Joch des italienischen und deutschen Faschismus. Berlin (DDR) 1963. Palmiro Togliatti: Il Partito Comunista Italiano. Rom 1961.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Jürgen Hänsel, Böblingen: Um Früchte betrogen Auf der Seite 15 in der Ausgabe Nr. 46 habe ich den Artikel von Gerhard Feldbauer mit Interesse gelesen. Er behandelt die Einheitsfrontpolitik der IKP vor 75 Jahren. Ein Thema, das aktuell ist. Die »W...

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