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Aus: Ausgabe vom 22.02.2019, Seite 8 / Ansichten

Bilderstürmer des Tages: Polnische Bürger

Von Reinhard Lauterbach
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Aktivisten stürzen in der Nacht zum Donnerstag in Gdansk die Statue von Priester Henry Jankowski

Unter den in Polen blühenden Künsten steht die Verfertigung religiöser Skulpturen an erster Stelle. In Opole etwa arbeitet gleich neben dem Großmarkt »Makro« die Firma Art-Odlew der Gebrüder Halupczok, die en gros Statuen, Büsten und Statuetten des 2005 verstorbenen Karol Wojtyla vertreibt. Der Markt ist aufnahmefähig. Das Portal Wirtualna Polska zählte schon 2014 nach und kam auf mehr als 700 Wojtyla-­Denkmäler in Polen – mehr, als dem Staatsgründer Jozef Pilsudski oder dem Freiheitshelden Tadeusz Kosciuszko gewidmet sind. Dabei sind Polen bisher noch keine Bildhauer wie Veit Stoß oder auch nur Ernst Barlach erwachsen. Ein polnischer Kunsthistoriker bezeichnete die Mehrzahl dieser Bildwerke als »verkaterte Alpträume«.

Auf der Höhe des katholischen Realismus war auch ein Denkmal, das bis zum Mittwoch dieser Woche in Gdansk an den dortigen Prälaten Henryk Jankowski erinnerte. Der Mann wurde als »Kaplan der Solidarnosc« berühmt, war aber auf die 1980 streikende Werft eher strafversetzt worden. Denn die Erzdiözese wusste damals schon, dass der Priester sich gern an Jugendliche beiderlei Geschlechts heranmachte. Mindestens ein Mädchen nahm sich das Leben, nachdem es im Alter von 13 Jahren von Jankowski geschwängert worden war. Trotzdem konnte Jankowski sein Prälatenleben, mit allen Segnungen irdischen Reichtums wohlversehen und mit wechselnden Ministranten im Bett, bis zu seinem natürlichen Tode 2010 fortsetzen.

In der Nacht zum Donnerstag haben Aktivisten der liberalen Oppositionsgruppe »Bürger der Republik Polen« dem Missbrauchstäter im Habit eine Kabelschlinge um den Hals gelegt, ein paar Bolzen durchgeschnitten, kurz Hauruck gemacht, und dann lag er auf einem zuvor – um das Pflaster zu schonen – vorbereiteten Bett aus alten Autoreifen.

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