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Aus: Ausgabe vom 22.02.2019, Seite 8 / Feuilleton
Auseinandersetzung mit Brechts Werk

»Kunst kann und muss Beitrag zu Veränderung leisten«

Brecht aktueller denn je: Heute beginnt Festival in Augsburg. Obdachlosigkeit eines der Themen. Gespräch mit Patrick Wengenroth
Interview: Erik Zielke
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Erinnern an einen der ganz Großen: Büste und Portraitfotos im zum Museum umfunktionierten Geburtshaus von Bertolt Brecht in Augsburg (25.1.2013)

In Bertolt Brechts Heimatstadt Augsburg findet jährlich ihm zu Ehren ein Festival statt. Der Theatermacher Patrick Wengenroth, der in diesem Jahr zum dritten und letzten Mal die künstlerische Leitung dafür übernimmt, hat die Veranstaltungen unter dem Motto »Für Städtebewohner*innen« diskursiven Formaten geöffnet. Er beschränkt die Beschäftigung mit Brecht nicht auf die Pflege des Kanons, sondern lässt junge Künstler und Kollektive im Sinne Brechts eigene Ansätze entwickeln.

Parallel zum diesjährigen Festival findet die Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel »Brecht und die Räterepublik« in Augsburg statt, in der die These dargelegt wird, Brecht sei antirevolutionär eingestellt gewesen. Ist es nicht ein Problem, ein Brecht-Festival in Zeiten zu organisieren, in denen der Mann für alles herhalten muss, sogar als Antirevolutionär?

Deswegen war es mir besonders wichtig, abgesehen von der »Baal«-Inszenierung – die das Staatstheater Augsburg beigesteuert hat – keine Brecht-Werke zu zeigen, sondern Werke, die inhaltlich oder formal sein Schaffen thematisieren, ohne zum hundertsten Mal »Die Dreigroschenoper« zu zeigen. Die Ausstellung ist ein eigenständiger Beitrag der Brecht-Forschungsstelle Augsburg, der Inhalt wurde nicht von mir kuratiert.

Sie beschäftigen sich auch mit schwierigen Themen wie Obdachlosigkeit. Wie wird dieser eigene und für Augsburg neue Zugriff auf Brecht vom Publikum angenommen?

Insgesamt gibt es in der Bevölkerung ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein. Wenn man bei einem Festival in einem der reichsten Länder der Welt Obdachlosigkeit thematisiert, hat das meiner Meinung nach sehr viel mit Brecht zu tun. Dafür sind die Leute offen und haben Interesse. Wir haben übrigens auch Stadtpolitiker eingeladen – für »Auf der Straße«, die Eröffnungsinszenierung über Obdachlosigkeit, hat der AfD-Abgeordnete bereits abgesagt.

Beim Blick in den Festivalspielplan bekommt man den Eindruck, besonders der Brecht der zwanziger Jahre und das Agitproptheater seien in Ihrem Inte­resse. Kann man das so sagen?

Ich habe auf jeden Fall eine Affinität zu Brechts Frühwerk. Deswegen wurden im ersten Jahr »Die Maßnahme« und im letzten Jahr »Fatzer« gezeigt. Auch der Lyrikschwerpunkt in diesem Jahr macht das deutlich.

Brechts Nachwirkung im Theater wird von Künstlern heute kaum bestritten. In der Lyrik sieht das schon anders aus. Ist Brecht dort überhaupt noch Bezugsgröße?

Für die eingeladenen Dichter kann man das schon sagen. Brechts Gedichtzyklus »Aus dem Lesebuch für Städtebewohner« ist ein Text, der in seiner Sperrigkeit und Singularität die Künstler herausfordert. Jetzt hoffen wir auf eine produktive Reibung: Die Lyriker wurden aufgefordert, sich mit einem eigenen Werk in Beziehung zu dem Text zu setzen. Auch für das breite Publikum, das immer weniger Gedichte liest, lohnt die Beschäftigung mit Brechts Lyrik, weil sein Umgang mit Sprache zeitlos ist.

Die von den Eingeladenen geschaffenen Theaterarbeiten haben einen gewissen Abstand zu Brecht. Wo sind Verbindungen zu ihm?

Torsten Lensings Inszenierung des Romans »Unendlicher Spaß« hat für mich eine klare formale Verbindung zu Brecht, sowohl in der Auseinandersetzung mit Sprache als auch beim Umgang mit Bühnenarbeit. Die gezeigte Wohlstandsdepression hat zudem einen inhaltlichen Bezug zum »Lesebuch für Städtebewohner«. Das ist also keine Beliebigkeit. Mein Versuch war es, aus dem Werk von Brecht Fragen für die heutige Zeit abzuleiten. Die drei von mir kuratierten Festivalausgaben stehen für die These, dass Kunst und Kultur einen wichtigen Beitrag zu gesellschaftlicher Veränderung leisten können und müssen. Das Festival ist für mich eine gute Möglichkeit, mit Brecht zur Welt zu gelangen.

Patrick Wengenroth ist Leiter des Brecht-Festivals Augsburg, das in diesem Jahr vom 22. Februar bis zum 3. März stattfindet

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