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15.02.2019, 17:00:26 / Inland
PDS-Bundestagsabgeordneter

»Sie werden den Sieg über uns voll auskosten«

Zum 27. Todestag von Gerhard Riege
Von Nico Popp
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Als »Stasi-Heini« angepöbelt: Im Abgeordnetenbüro von Gerhard Riege trägt sich eine Frau in das ausliegende Kondolenzbuch ein (Jena, Februar 1992)

Vor 27 Jahren, am 15. Februar 1992, nahm sich der Thüringer PDS-Bundestagsabgeordnete Gerhard Riege in seinem Garten in Geunitz das Leben. Ein paar Tage vorher hatte die Bundestagsgruppe seiner Partei per Presseerklärung mitgeteilt, dass Riege, damals ein junger Dozent an der Universität Jena, von 1954 bis 1960 als Informant für das Ministerium für Staatssicherheit tätig gewesen war. Herausgefunden hatte man das im Zuge einer freiwilligen Überprüfung der 15 Abgeordneten durch die Gauck-Behörde, an der sich auch Riege beteiligt hatte. Abgeordnete von CDU und CSU hatten ihn schon vorher im Plenum als »Stasi-Heini« angepöbelt, nun distanzierten sich auch Mitglieder des Thüringer Landesverbandes der PDS von ihm. Bei einer Sitzung des Landesvorstandes in Erfurt am Tag vor seinem Tod wurde Riege von anpassungsbeflissenen Genossen abgekanzelt; er soll als als gebrochener Mann nach Jena zurückgekehrt sein.

Der »Stasi«-Vorwurf hat in den Jahren nach 1990 tausende berufliche Laufbahnen und eben auch Leben von Menschen beendet, die anders nicht kleinzukriegen waren. Von den meisten dieser Tragödien hat nur ein enges persönliches und berufliches Umfeld überhaupt Kenntnis erhalten.

Auch an den Tod des Bundestagsabgeordneten Riege erinnern sich ein Vierteljahrhundert später nur noch wenige. Riege hat einen seiner nüchternen Klarheit wegen beeindruckenden, nicht zuletzt in diesem Punkt hellsichtigen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem sich die nachfolgenden Sätze finden: »Mir fehlt die Kraft zum Kämpfen und zum Leben. Sie ist mir in der neuen Freiheit gebrochen worden. Ich habe Angst vor der Öffentlichkeit, wie sie von den Medien geschaffen wird, und gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich habe Angst vor dem Hass, der mir im Bundestag entgegenschlägt, aus Mündern und Augen und Haltungen von Leuten, die vielleicht nicht einmal ahnen, wie unmoralisch und erbarmungslos das System ist, dem sie sich verschrieben haben. Sie werden den Sieg über uns voll auskosten. Nur die vollständige Vernichtung ihres Gegners gestattet es ihnen, die Geschichte umzuschreiben und von allen braunen und schwarzen Flecken zu reinigen.«

Riege, 1930 in Gräfenroda geboren, war der Sohn eines Heimarbeiters. Das hieß: Abgang von der Schule nach der achten Klasse und eine Lehre als Postbote. In der sowjetischen Besatzungszone und schließlich in der DDR wurde das begabte Arbeiterkind dagegen gefördert. Riege konnte 1949 das Abitur nachholen und in Jena Rechtswissenschaft studieren. 1957 promovierte er, ein paar Jahre später war er Professor. In den 1980er Jahren galt Riege als führender Experte auf dem Gebiet des Staatsbürgerschaftsrechts; mit Kollegen aus der Bundesrepublik stand er in regem Austausch.

Die »vollständige Vernichtung« Gerhard Rieges begann zwei Jahre vor seinem Tod. Der bei vielen Studenten und Kollegen beliebte Staatswissenschaftler und Dekan der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät wurde am 23. Februar 1990 im zweiten Wahlgang zum Rektor der Universität Jena gewählt. Eine medial befeuerte Kampagne der »Aktionsgemeinschaft zur demokratischen Erneuerung der Hochschule« (ADEH), die nicht bereit war, den ehemaligen »SED-Funktionär« und Volkskammerabgeordneten als Rektor zu akzeptieren, erzwang mit lächerlichen Betrugsvorwürfen eine Wiederholung der Wahl, zu der der persönlich zutiefst getroffene Riege nicht erneut antrat. Alles lief wie am Schnürchen: Der ADEH-Mann Ernst Schmutzer wurde neuer Rektor und Riege ein paar Wochen nach dem Ende der DDR von der Universität entlassen. Er kämpfte mit juristischen Mitteln um seine Wiedereinstellung und hatte die beinahe durchgesetzt, als ihn seine eigene, um Gleichschritt mit der Bürgerpresse bemühte Partei als »Stasi-Zuträger« outete und damit beruflich endgültig erledigte.

Rieges Tod sorgte 1992 zumindest einige Tage lang für betretene Blicke. Sprecher aller Bundestagsparteien taten in kurzen Erklärungen ihre Betroffenheit kund. Der Thüringer CDU-Landtagsabgeordnete Gottfried Müller mahnte zur Mäßigung; der Fall Riege zeige, dass »Schlagzeilen töten können«. Das war ein bisschen viel für die Blätter, in denen die DDR damals täglich neu zur Strecke gebracht wurde. Der Spiegel rief Müller zur Ordnung und unkte: Die »SED-Nachfolgepartei« könne nach dem »Freitod« Rieges versuchen, die »Stasi-Debatte abzuwürgen«. Daran freilich hat in der PDS weder 1992 noch später irgendein »Vordenker« gedacht.

Die Trauerfeier für Gerhard Riege fand am 5. März 1992 im Jenaer Lutherhaus statt; mehr als 1.000 Menschen nahmen an ihr teil. Dass Riege heute dennoch weitgehend vergessen ist, dürfte auch etwas mit dem schlechten Gewissen seiner Parteifreunde zu tun haben. Der eine oder andere wird zumindest ahnen, dass der Jenaer Wissenschaftler nicht nur, wie Susanne Hennig-Wellsow, Landes- und Landtagsfraktionsvorsitzende der Linkspartei in Thüringen, am Freitag erklärte, von »anderen Parteien« und den »Medien«, sondern von PDS-Genossen fertiggemacht worden ist, denen das Mitmachendürfen über alles ging. Und dieser Typus hat die Partei bis heute fest im Griff.

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