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Aus: Ausgabe vom 14.02.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Schade, dass fachlich kompetente Menschen wenig Gehör fanden«

Nach Rücktritten im Aufsichtsrat muss Tennis Borussia sich erst mal sammeln. Gespräch mit Franziska Hoffmann
Von Oliver Rast
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Einfach nur Fußball gucken: Tennis Borussia gegen SpVgg Unterhaching, 1999 im Mommsenstadion

Frau Hoffmann, tumultartig ging es am 30. Januar bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung (MV) beim Fünftligisten Tennis Borussia (TeBe) zu (jW berichtete). Posten im Aufsichtsrat mussten aufgrund von Rücktritten nachbesetzt werden. Vereinsinterne Kritiker werfen dem Klubboss Jens Redlich »Akquise« von Stimmen und »autokratischen Stil« vor. Redlich konnte seine Macht ausbauen. Wirkt die MV nach?

Natürlich wirken die Ereignisse der MV nach, nicht nur emotional muss man sich jetzt sammeln. Vereinsintern, in den Abteilungen und Gremien, suchen wir nach einem konstruktiven Umgang. Hierfür muss vieles ver- und aufgearbeitet werden. Aus unserer Vereinsgeschichte wissen wir, wie wichtig es ist, in Krisen wieder zueinander zu finden.

Schade finde ich, dass fachlich kompetente Menschen auf der MV wenig Gehör fanden und trotz eines Stimmenpotentials nicht in den Aufsichtsrat gewählt wurden. Sie hätten die Arbeit des Gremiums bereichert – unabhängig davon, wie man das Wahlprozedere während der MV und »das Ausreizen« demokratischer Mittel beurteilt.

Sportlich stehen wir sehr gut da und werden eine spannende Rück- und Pokalrunde erleben. Leider in einem sehr stillen Fußballstadion.

Zu den Fans kommen wir später noch. Warum sind mehrere Aufsichtsratsmitglieder zurückgetreten?

Es ist eine persönliche Entscheidung, ein arbeitsintensives und aufreibendes Ehrenamt niederzulegen. Alle Rücktritte konnte ich gut nachvollziehen. Ich vermisse die gute Zusammenarbeit mit meinen Exaufsichtsratkollegen sehr. Kevin Kühnert trat kurz nach dem Streit um das Hissen der Regenbogenfahne im Mommsenstadion zurück. Er hatte keine Kraft für die Auseinandersetzung mit dem Vorstand. Martin Endemann wurde nach einer Meinungsverschiedenheit vom Vorstand zum Rücktritt aufgefordert. Franziska Becker trat zurück, weil eine Stellungnahme mit ihrer Unterschrift ohne Einverständnis veröffentlicht worden war. Und Thorsten Eckert war jahrelang Aufsichtsratsvorsitzender und hatte sein Ausscheiden vorab für Dezember 2018 angekündigt. Üblicherweise findet eine MV zum Jahresende statt.

Bei TeBe reicht eine »Meinungsverschiedenheit« mit dem Klubboss, um zum Rücktritt gedrängt zu werden?

Endemann, Mitglied des Vorstands der TeBe-Fanabteilung und des Aufsichtsrats, beantwortete eine Anfrage des Vereinsvorstands für die Eröffnungsfeier der Saison 2018/19 im Fanladen sehr spät, was nachträglich bedauert wurde. Die Veranstaltung musste verlegt werden. Endemann akzeptierte die Rücktrittsforderung.

Der Aufsichtsrat soll den Vorstand kontrollieren. Die auf der MV gewählten neuen Aufsichtsratsmitglieder gelten als vorstandsnah. Kann der Aufsichtsratvorsitzende noch kontrollieren?

Das Tätigkeitsprofil des Aufsichtsrats ist in unserer Satzung klar formuliert. Ich werde die neuen Kollegen gewissenhaft auf die herausfordernde ehrenamtliche Arbeit in einem Haftungsgremium vorbereiten. Auch die Kontrolle des Vorstands eines Fünftligisten bewegt sich nicht im rechtsfreien Raum.

Vorstandsvorsitzender Jens Redlich ist gleichzeitig Hauptsponsor, der als Klubboss seine eigenen Sponsorenverträge unterschreibt. Eine gute Verquickung?

Dass ein Hauptsponsor überblicken möchte, wie sein Geld vereinsintern investiert wird, kann ich nachvollziehen. Ich hätte mir gewünscht, der Vorstand würde die Arbeit des Aufsichtsrats nicht als untragbar empfinden, sondern in seiner Kontrollfunktion, gegebenenfalls Fehlentwicklungen und Schaden vom Verein abzuwenden. Wir werden sehen, welche gemeinsamen Anknüpfungspunkte es nach der MV geben wird.

Sie amtieren als Aufsichtsratsvorsitzende noch bis Sommer dieses Jahres. Werden Sie wiedergewählt?

So wie in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren spreche ich mit vielen Mitgliedern, stelle mich Kritikern und versuche die verschiedenen Erwartungen zu erfüllen und die Interessen der heterogenen Mitgliedschaft verantwortungsvoll für den Gesamtverein zu vertreten. Dialoge führe ich offen, und damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ob das überzeugend genug ist, um wiedergewählt zu werden, muss jedes Mitglied selbst entscheiden.

Was zeichnet Fans von TeBe aus?

Die treuen Unterstützer von TeBe sind sehr verschieden: Vom alteingesessenen Westberliner, fußballverrückten Unternehmerfamilien bis zum Jurastudenten ist so ziemlich alles dabei, was das bunte Berlin zu bieten hat. Genau das macht für mich den einzigartigen Charme von TeBe aus. Das Einstehen für die im Grundgesetz verankerten Werte gegen Diskriminierung und ein deutliches Zeichen gegen Homophobie und Antisemitismus erfordern stets viel Mut und Stärke.

Der Unterklassenklub Blau-Weiß Friedrichshain könnte nach den Tumulten auf der MV zu einer Art »Exilklub« für TeBe-Fans werden. Droht die Fanbasis wegzubrechen?

Mit dem Wegbrechen der Fanbasis würde ein großes Stück Identität verlorengehen, die aus meiner Sicht nichts mit Linksradikalismus zu tun hat. Besonders das ehrenamtliche Engagement, das humorvolle Miteinander und die engen Freundschaften in der aktiven Fanszene würde ich schmerzlich vermissen. Wir schreiben unsere Biographie mit dem Verein und treffen uns an Spieltagen nicht nur, um Fußball zu sehen. Wir pflegen generationsübergreifend soziale Kontakte in unserem lila-weißen Zuhause, dem Mommsenstadion. Die Fans suchen keine neue Mannschaft oder einen neuen Verein, sondern machen mit ihrem offensiv-kreativen Protest auf ihren Beitrag zum Vereinsleben aufmerksam.

Franziska Hoffmann ist Aufsichtsratsvorsitzende bei Tennis Borussia Berlin

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