Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.02.2019, Seite 8 / Inland
Korpsgeist in der Polizei

»Wer Vertrauen einfordert, muss es auch verdienen«

Fall von betrunkenem Berliner Polizisten, der Frau tötete, wirft Schlaglicht auf Behörde. Gespräch mit Oliver von Dobrowolski
Interview: Kristian Stemmler
Toedlicher_Unfall_mi_60233101.jpg
Der Ort, an dem der betrunkene Polizist mit seinem Fahrzeug den Wagen der jungen Frau rammte, die daraufhin verstarb (29.1.2018)

Zur Zeit wird über den Fall des Polizisten Peter G. debattiert, der im Januar 2018 bei einer Einsatzfahrt in Berlin den Kleinwagen einer 21jährigen gerammt hatte. An den Folgen starb die Frau kurze Zeit später. Wieso wurde erst jetzt publik, dass der Polizist 1,1 Promille Alkohol im Blut hatte?

Dieser Umstand ist seit gut einer Woche öffentlich bekannt. Seitdem sind die Gründe hierfür Gegenstand von Untersuchungen.

Wird in solchen Fällen der Fahrer nicht routinemäßig auf Alkohol getestet?

Ein Alkoholtest ist beim Fahrer – auch ohne gravierende Auffälligkeiten – besonders dann geboten, wenn die Unfallfolgen schwer sind. Bei einem Fall mit Todesfolge und dem Mitwirken eines Polizeifahrzeugs auf Einsatzfahrt ist für mich nicht nachvollziehbar, warum dies hier unterblieben ist.

In der Woche nach dem Unfall postete der Beamte bei Facebook: »Ich bin gerade verdammt froh, dass #polizeifamilie wirklich real sein kann. Danke an euch, die gerade da sind und ihren Arsch riskieren.« Offenbar ist G. von Kollegen gedeckt worden.

Diese Verlautbarung ist angesichts des Unfalls schwerverdaulich. Ich verstehe, wenn daraus der Eindruck erwächst, dass die »Polizeifamilie« hier geholfen hat. Unbestritten scheint, dass aus der Polizei heraus anfangs die Meldung in Richtung Boulevardpresse verbreitet wurde, die getötete Frau habe mit ihrem Handy telefoniert. Dies stellte sich später als falsch heraus. Der Verdacht, dass dies und vielleicht andere Dinge unternommen wurden, um die Ermittlungen im Sinne des Unfallfahrers zu beeinflussen, lässt sich somit kaum revidieren.

Wie groß ist der innerbehördliche Druck, Kollegen nicht zu »verraten«?

Das hat viel mit gruppendynamischen Prozessen zu tun. Wie im Militär ist es auch bei der Polizei – so heißt es oft – extrem wichtig, sich auf seine Partner verlassen zu können. Es bestehen hohe Erwartungen an einzelne in der Gruppe, Fehlverhalten anderer zu übersehen oder es gegebenenfalls durch Neuinterpretation des Sachverhalts zu rechtfertigen. Dieses »Füreinander-Dasein« darf jedoch nie zu einem Kollektivbewusstsein führen, in dem die Realität an eigene Befindlichkeiten angepasst wird. Sich bei Fällen unangebrachten Korpsgeistes über eine solche Dynamik hinwegzusetzen und klar Position zu beziehen, endet nicht selten in Isolation und bedeutet häufig eine Sackgasse für die Karriere.

Wie Medien berichten, hetzte Peter G. schon 2016 in »sozialen Medien« gegen Flüchtlinge und Linke. Er und seine Kollegen müssten sich täglich beschimpfen lassen von Menschen, die »unsere Kultur missachten«, wird er zitiert. Wie verbreitet ist ein solches Denken bei der Polizei?

Nach meiner Erfahrung ist das recht weitverbreitet. Polizisten müssten ihren Dienstalltag sorgfältig reflektieren, um das Erlebte ausreichend zu verarbeiten. Da dies jedoch häufig nicht gelingt und auch keine Supervision angeboten wird, verfestigen sich schnell Stereotype und vermeintlich einfache Erkläransätze bei den Beamten. Somit werden Vorurteilen Tür und Tor geöffnet. Folge können »Racial Profiling« und Fälle überzogener Polizeigewalt sein.

Von den beiden großen Polizeigewerkschaften und konservativen Politikern werden die Beamten in ihrer Opferrolle häufig noch bestärkt.

Meines Erachtens haben die großen Berufsvereinigungen versäumt, klare Kante gegen rechte Tendenzen und Vorbehalte gegen Randgruppen zu zeigen. In erster Linie sind sie Lobbyvertreter, die mehr Personal und Sachressourcen fordern. Aber wichtiger wäre, die Qualität von Aus- und Fortbildung zu steigern. Das ständige Wehklagen und der Hinweis auf eine verrohte Gesellschaft ohne Respekt vor der Polizei helfen nicht weiter. Wer Vertrauen einfordert, muss es auch verdienen. Am besten gelingt dies mit einer ­konstruktiven und transparenten Fehlerkultur – nicht mit Abschottung und dem reflexhaften Hinweis, dass nur andere die Fehler machen.

Oliver von Dobrowolski ist Vorsitzender der Gewerkschaft »Polizei grün e. V.«, die aus einer Arbeits­gruppe des baden-württembergischen Landesverbandes von Bündnis90/Die Grünen hervorging

Regio: