Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Rollenfach überwinden

Der Glatzenfilm »Skin« im Panorama
Von Franz Hruby
201910938_20.jpg
»Visage voller Scheiße«: Jamie Bell als Babs

Babs hat die Visage voller Scheiße: Über der Rune der Hitlerjugend ist die Triskele der 27. SS-Division tatöwiert, daneben noch der Name seiner Wiking-Bruderschaft. Den ganzen Körper hat sich der Sprössling fanatischer Rassisten mit völkischer Bauernmalerei verunstalten lassen. Sein Alltag im Waldhauptquartier der Sippschaft besteht aus Saufen, Ficken und Prügeln. Am laufenden Band wird sich martialisch gebärdet, militärisch gedrillt. Man fühlt sich so nazideutsch, wie es nur geht – und das in den fernen USA.

»Skin« heißt der Hollywoodfilm des Israelis Guy Nattiv (Regie und Drehbuch), in der Hauptrolle ist Jamie Bell zu sehen, der einst den zarten Ballettknaben Billy Elliot spielte und endlich sein Rollenfach überwinden will (wie Daniel Radcliffe mit »Imperium«, 2016).

Zugeschlagen und geschossen wird viel in den 118 Minuten, dafür gibt es angenehm wenige Hitlergrüße und »Heil«-Rufe. Überhaupt bringt Nattiv einen doch recht bemerkenswerten, spannenden Glatzenfilm ohne den subversiven Sexappeal von »American History X« oder gar »Romper Stomper« zustande. Jugendliche Vollidioten haben nicht viel Gelegenheit, sich eingängige Hassphrasen abzuhören. Weniger angenehm ist die schiere Lautstärke des Films, der ohne Blitz und Donner, Brand und Knall nicht auszukommen vermag. Ständig muss man zusammenzucken, ohne dass es der Handlung dienlich wäre. Diese entfaltet sich vor allem aufgrund der ständigen Bedrohung durch die anfangs nach innen, später nach außen gerichtete Menschenfeindlichkeit.

Babs’ elementare Probleme beginnen, als er sich in Julie verliebt. Die dralle Mutter junger Töchter hat genug vom Ku-Klux-Klan-Irrsinn ihrer Alten. Auch Babs beschließt, mit der Sekte zu brechen, und erfährt an Leib und Seele, wie gefährlich das ist. Der Film basiert, wie am Anfang erwähnt wird, auf der Geschichte Bryon Widners, der heute unter neuer Identität an einem unbekannten Ort lebt und die Visage nach einer Laserbehandlung auch nicht mehr voller Scheiße hat.

»Skin«, Regie: Guy Nattiv, USA 2019, 117 min, 13., 15., 16.2.

Mehr aus: Feuilleton