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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

In einem überdimensionalen Vogelkäfig

Was bleibt von einer Modenschau im Ostberliner Herbst des Jahres 1990? Annekatrin Hendels Dokfilm »Schönheit und Vergänglichkeit« im Panorama
Von Maximilian Schäffer
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»So ist das mit den Träumen und der Zeit«: Dominique (Dome) Hollenstein, Sven Marquardt

Gute Musik ist viel wichtiger als ein weiterer Film über den Fotografen und Berghain-Türsteher Sven Marquardt. In »Schönheit und Vergänglichkeit« von Regisseurin Annekatrin Hendel (»Vaterlandsverräter«) geht es darum, was aus DDR-Künstlern, -Punks und -Models geworden ist. Der Soundtrack ist die Platte »Rauhensee« der Berliner Band Bleibeil, erschienen 1990 im Selbstverlag und seitdem praktisch vergessen. Gesegnet, wer es schafft, auf dem Flohmarkt oder sonstwo ein Exemplar aufzutreiben. Es gibt eine Zweitauflage von 1993 auf CD, aber wer will digitale Scheiben?

Neun hervorragende Lieder auf Englisch, meistens gesungen von Sarah Marrs, teilweise getextet von Dichtervater Bert Papenfuß, komponiert vom Duo Bernd Jestram und Bo Golin (Kondren). Bleibeil waren ein Seitenprojekt der Bandmitglieder von »Ornament & Verbrechen« und »Tarwater« für eine Modenschauperformance im Herbst ’90 in Prenzlauer Berg. An der Laufstegkunst der Kreativenvereinigung »Allerleirauh« waren auch Sven Marquardt, der ebenso gefeierte Fotograf Robert Paris und die Schöne Dominique »Dome« Hollenstein beteiligt. Im Film sieht man Aufnahmen, damit man es sich vorstellen kann: Jemand schwebt in einem überdimensionalen Vogelkäfig über die Gemäuer des Stadtbads Oderberger Straße, dazu dröhnt die Bleibeil-Musik, während bunteste Gestalten in exzentrischer Kluft sich selbst zelebrieren.

Klanglich ist das Material irgendwo zwischen Sprechgesang à la Anne Clarke, den ruhigeren Songs der Einstürzenden Neubauten und New Wave der frühen 80er zu verorten. Gutes Zeugs, das man nicht im Internet findet – lediglich den »Hit« der Platte, »Still Falls The Rain«, gibt es auf Youtube.

Viel mehr ist in Hendels 79minütiger Dokumentation nicht zu entdecken. Menscheln mit Marquardt und ein paar Einblicke in die alternative Szene Ostberlins. Während der eine Bildermacher zum berühmtesten Menschenselektierer Europas wurde, lebt der andere als Familienvater in Indien, die gealterte Muse fertigt Kunstblumen aus Leder. So ist das mit den Träumen und der Zeit. Die DDR existiert nicht mehr, die Avantgarde von damals sitzt heute entweder im Kulturbetrieb oder im Nirgendwo. Wenn man nicht vergessen möchte, bleibt die Bleibeil-Platte. Die wirkt zeitlos, während »Schönheit & Vergänglichkeit« nur die damals Beteiligten interessieren dürfte.

»Schönheit und Vergänglichkeit«, Regie: Annekatrin Hendel, BRD 2019, 79 min, 13., 14., 15.2.

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