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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Film

Präziser, kalter Blick

Großer Unbekannter: Das Österreichische Filmmuseum präsentiert den (Neo-)Realisten Ermanno Olmi
Von Sabine Fuchs
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»Ich war der Junge aus ›Il posto‹«: Ausschnitt aus dem gleichnamigen Film von 1961

Genaugenommen ist es ja eine Doppelretrospektive, die das Österreichische Filmmuseum zeigt, denn Ermanno Olmi (1931-2018) wird in einer durchaus interessanten Gegenüberstellung gemeinsam mit Federico Fellini (1920-1993) präsentiert. Doch während jeder Kinofreund Fellinis Filme in- und auswendig kennt und seine ikonisch gewordenen Bilder Allgemeingut sind, ist das Werk Olmis nahezu unbekannt. Einzige Ausnahme ist »L’albero degli zoccoli« (»Der Holzschuhbaum«). Für die von seinen Großeltern inspirierte Chronik bäuerlichen Lebens an der Wende zum 20. Jahrhundert erhielt er 1978 die Goldene Palme von Cannes.

Olmi blieb der große Unbekannte, weil er sich dem Starkino, das Fellini so vollendet beherrschte, fast durchgehend verweigerte. Meist arbeitete er mit Laiendarstellern, an denen er ihre Authentizität und Einfachheit schätzte. Genau diese Eigenschaften zeichnen auch seine Filme aus. Dazu kommt eine Genauigkeit der Beobachtung, die auch unter den italienischen Neorealisten ihresgleichen sucht.

Dabei war der Weg zum Filmregisseur alles andere als vorgezeichnet für den Mann aus der norditalienischen Provinz Bergamo, dessen Vater, ein Eisenbahner, früh starb und dessen Mutter in einem Elektrizitätswerk in Mailand arbeitete. Dort fand auch Olmi nach abgebrochenem Schauspielstudium einen Anstellung. Im Rahmen der Organisation von Freizeitaktivitäten für die Arbeiter begann er, Dokumentarfilme über die Arbeitswelt zu drehen – etwa vierzig 16-mm-Filme entstanden in dieser Zeit.

1959 entstand, ebenfalls noch im Rahmen dieses Projekts, sein erster Spielfilm. »Il tempo si è fermato« (»Als die Zeit stillstand«) zeigt das Leben zweier Staudammwärter in den italienischen Alpen. Den Alten verbindet mit dem jungen Werkstudenten zunächst nichts, erst langsam entwickelt sich eine Freundschaft über die Generationen. Der Film wurde beim Filmfestival von Venedig gezeigt und machte ihn zumindest so bekannt, dass er künftig professionell als Filmemacher arbeiten konnte.

Olmis Thema blieben Leben und Arbeitswelt der einfachen Menschen. In »Il posto« (»Der Job«) von 1961 zieht ein Sohn aus armer Familie nach Mailand, wo er sich um einen Job als Angestellter in einer großen Firma bemüht und diesen schließlich auch erhält. Aber das Mädchen, in das er sich verliebt hat, verliert er aus den Augen, und die kleinbürgerliche Zukunft ist vorgezeichnet. Oder »I fidanzati« (»Die Verlobten«) von 1963: Giovanni gibt seinen Job als Arbeiter in Mailand auf und lässt schweren Herzens seine Verlobte Liliana zurück, weil er als Schweißer in Sizilien mehr Geld verdienen kann. Die Klarheit dieser Filme ist auch darauf zurückzuführen, dass Olmi sehr nah bei sich bleibt. »Die Themen meiner ersten Filme fand ich in mir selbst, ich war der Junge in ›Il posto‹ und der Arbeiter aus ›I fidazanti‹«, sagte er einmal in einem Interview.

Dass er auch anders konnte, zeigte er spätestens 1974 mit »La circostanza« (»Der Umstand«). Der Blick auf das sinnentleerte Leben der Mailänder Oberschichtfamilie ist sarkastisch: die Arroganz der Mutter, einer reichen Notarin und Gutsbesitzerin, die die anderen Familienmitglieder beherrscht; der Vater, der ein sinnloses Firmenseminar mitmachen muss; die Tochter, die gefühlskalt mit zwei Liebhabern tändelt, die nicht nur der Zuschauer kaum unterscheiden kann. Als am Ende des Films in einer schockierenden Sequenz die Rinder des Guts geschlachtet werden – »sonst werden sie zu teuer« –, kann sich niemand mehr einbilden, diese Elite werde es schon richten. Da scheint Olmi plötzlich ganz nahe an Buñuel, aber ohne dessen verspielten Surrealismus – sein Blick auf das Großbürgertum ist kälter, präziser und darum noch vernichtender.

Olmi war nicht nur Regisseur und Autor, sondern meist auch Kameramann und Cutter seiner Filme, und 1961 wurde er Mitgründer einer nur für kurze Zeit existierenden Produktionsfirma, die die Unabhängigkeit junger Regisseure sichern sollte. Das Werk des großen, immer unabhängigen Regisseurs Ermanno Olmi ist nun in Wien neu zu entdecken.

Retrospektive »Federico Fellini/Ermanno Olmi«, bis 28. Februar im Österreichischen Filmmuseum in Wien

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