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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 7 / Ausland
An der EU-Außengrenze

Kein Ort für Helden

Opfer der EU-Abschottung: An der Grenze zu Kroatien kämpfen Hunderte Menschen ums Überleben. Freiwillige versuchen zu helfen
Von Kai-Bernd Gareseé
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Kroatische Aufstandsbekämpfungseinheiten am 24. Oktober am Grenzübergang Maljevac nach Bosnien

Mit einem ernüchternden Satz beschreiben Freiwillige in der bosnischen Grenzstadt Velika Kladusa am Übergang zum EU-Mitgliedsstaat Kroatien die Lage: »Auf die Frage ›Habt ihr eine Zukunft für mich‹ bleibt leider nur zu sagen: ›Nein, aber magst du eine Zigarette?‹« Allein in dieser Kleinstadt am nordwestlichsten Punkt Bosniens mit ihren 40.000 Einwohnern leben über 1.000 »Menschen auf der Reise« (englisch: »people on the move«), im ganzen Kanton Una-Sana werden es mindestens 4.000 sein. Sie warten auf eine Gelegenheit, in die EU zu gelangen und dort Asyl zu beantragen.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat ein leerstehendes Fabrikgebäude des Fensterherstellers Miral als Lager hergerichtet. Die dort Lebenden klagen über die hygienischen Zustände: kein warmes Essen, keine Möglichkeit Wäsche zu waschen – und Kleidung ist Mangelware. Ohne schriftliche Genehmigung der IOM in Sarajevo darf man das Camp nicht betreten. Spricht man das Personal an der Eingangskontrolle auf die Klagen an, werden diese als »unbestätigte Gerüchte« zurückgewiesen.

Finanziert wird das IOM-Camp von der EU. Gemäß der Dublin-III-Verordnung ist derjenige Staat verpflichtet, das Asylverfahren durchzuführen, in dem eine schutzsuchende Person zum ersten Mal das Territorium der Union betritt. Das wäre an dieser Grenze der kroatische Staat, doch es gibt keine Berichte, nach denen es jemandem gelungen wäre, Asyl zu beantragen. Besonders kritisch ist die Lebenssituation, wenn Leute nach versuchtem Grenzübertritt durchnässt, zerschlagen, ohne Geld und mit zerstörtem Handy zurückkommen.

Das Projekt »Border Violence Monitoring« dokumentiert illegale Zurückweisungen von Menschen an der Außengrenze der EU nach Bosnien-Herzegowina, so in einem am 16. Dezember 2018 veröffentlichten Report. In der Folge erhoben verschiedene Seiten schwere Vorwürfe gegen Beamte der kroatischen Grenzpolizei. »Save the Children« publizierte am 24. Dezember einen Bericht, demzufolge Hunderte Kinder an den Außengrenzen der EU von Polizeigewalt bei versuchtem Grenzübertritt berichten.

Freiwillige von »Border Violence Monitoring« berichten in Velika Kladusa von perfiden Fallen, die Übertrittshelfern mit Hilfe gefasster Flüchtlinge gestellt wurden: Indem ihnen weisgemacht wurde, als Belohnung anschließend einen Asylantrag stellen zu dürfen, wurden Aufgegriffene dazu gebracht, als Lockvogel zu dienen. Als sie nach der Maßnahme vor Gericht aussagten und glaubten, nun ihren Asylantrag stellen zu dürfen, wurden sie über ihren »Irrtum« aufgeklärt: Sie waren nur als Zeugen gefragt und wurden nach der Aussage durch einen Fluss zurück über die Grenze nach Bosnien gebracht. Man kann sich ausmalen, was ihnen blüht, wenn die verurteilten Helfer nach Verbüßung ihrer Haftstrafe wieder in Bosnien sind.

Seit letztem Jahr ist auch ein Team aus Freiwilligen in Velika Kladusa aktiv und verteilt gespendete Kleidung und Schuhe, aber auch von Spenden gekaufte Wäsche und Socken an die »Menschen auf der Reise«. Ein kleiner Kellerraum mit wenigen Regalen dient als »Free Shop«. Menschen, die von einer gewaltsamen Zurückweisung (»Pushback«) kommen, werden als Notfall sofort versorgt; ansonsten können sich Neuankömmlinge jeden Mittwoch und Samstag für die Ausgabezeiten registrieren lassen. Immer nur drei oder vier sind dann gleichzeitig im Raum, damit kein Gedränge entsteht und dieser kleine Kellerraum zumindest für eine gewisse Zeit eine der wenigen Oasen der Ruhe auf der hektischen und gefährlichen Reise werden kann.

Oberhalb betreibt der Bosnier Latan ein kleines Restaurant. Während des Bosnienkrieges war er zusammen mit seiner Familie in Velika Kladusa fünf Tage lang von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Keine Kriegspartei fühlte sich für die Versorgung der Zivilbevölkerung der Stadt zuständig. Vor einem Jahr begann Latan nun, kostenfreie Mahlzeiten für Durchreisende aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan auszugeben. Für 400 Menschen kochen er und sein Team inzwischen jeden Mittag eine warme Mahlzeit, notdürftig finanziert aus Spenden- und Stiftungsmitteln: »Im Krieg ist hier niemand verhungert, also soll auch jetzt niemand Hunger leiden.«

Nebenan werden die Freiwilligen um medizinische Erstversorgung gebeten, denn die Hilfe des »Danish Refugee Councils« im Camp Miral oder eine Behandlung im lokalen Krankenhaus bekommt nur, wer dort registriert ist. Doch manche unterlassen die Anmeldung, weil sie die damit verbundene Bestimmung ihres Aufenthaltsortes vermeiden wollen – oder sie werden wegen Überfüllung nicht aufgenommen. So müssen sie sich eine Unterkunft in der Stadt oder ihrer Umgebung suchen, bleiben damit aber ganz ohne medizinische Versorgung.

Seit Anfang Februar 2019 berichten die Freiwilligen über zunehmende rassistische Angriffe auf die »Menschen auf der Reise«, bei der diese ihre letzte Barschaft und mit dem Handy auch die Verbindung zur Familie zu verlieren drohen. Die Lage wird immer schwieriger. Neue Freiwillige für mindestens zwei Wochen werden gesucht, aber die jetzigen sagen auch ganz klar: »Wir können weder retten noch große Veränderungen herbeiführen. Das ist kein Ort für Helden. Unsere Aufgabe besteht darin, den Menschen hier mit Würde zu begegnen und mit ihnen den Zustand unserer Welt, der hier einen Herd der Grausamkeit geschaffen hat, auszuhalten.«

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