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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 5 / Inland
Agrarsektor

Tierfutter soweit das Auge reicht

Greenpeace-Studie: Ackerflächen immer weniger für die Lebensmittelproduktion genutzt. EU subventioniert Großkonzerne
Von Bernd Müller
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Monokulturen, auf denen Viehfutter angebaut wird: Eine direkte Folge der EU-Agrarpolitik, die nur großen Konzernen nützt

Heftige Kritik an der Subventionspraxis der Europäischen Union übt die Umweltorganisation Greenpeace. In dem am Dienstag veröffentlichten Bericht »Feeding the problem« werden Subventionen in der Landwirtschaft dafür verantwortlich gemacht, dass über 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in der EU nicht für die Produktion von Lebensmitteln, sondern für Viehfutter genutzt werden.

Angesichts des hohen Fleischverbrauchs in der EU und den damit verbundenen Risiken für Klima und Gesundheit hat Greenpeace untersuchen lassen, wie die Subventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU wirken.

Zu beobachten sei eine immer stärkere Konzentration der Fleisch- und Milchproduktion in immer weniger und immer größeren Unternehmen. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe verringerte sich in den Jahren von 2005 bis 2013 EU-weit um 3,7 Millionen. Dagegen wurde mehr Fleisch produziert: In den Jahren 2000 bis 2017 stieg die Produktion um 12,7 Prozent, von knapp 42 Millionen Tonnen auf über 47 Millionen Tonnen.

Von 2003 bis 2013 nahm die Zahl der Tiere, die in großen Betrieben gehalten werden, um rund zehn Millionen zu. Damit werden inzwischen fast drei von vier Tieren (72,2 Prozent) in der EU in Großbetrieben mit einem Jahresumsatz von mehr als 100.000 Euro gehalten. In Deutschland haben beispielsweise die Produzenten von Schweinefleisch mit einem Jahresumsatz von mehr als 500.000 Euro ihren Marktanteil in den Jahren zwischen 2004 und 2016 auf 52 Prozent fast verdoppelt. In Dänemark und Italien liegt ihr Anteil dagegen schon bei 94 Prozent. Ähnlich sieht es beim Geflügel aus. In den Niederlanden kontrollierten Betriebe dieser Größenordnung im Jahr 2016 die Geflügelproduktion vollständig. In Dänemark zu 96 Prozent, in Belgien zu 72 Prozent und in Deutschland zu 69 Prozent.

Gleichzeitig ist die Nutztierhaltung auch regional stark konzentriert. In nur vier Ländern wird die Mehrzahl der Tiere gehalten. Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien züchten zusammen 54 Prozent der Kühe, 50 Prozent der Schweine und 54 Prozent der Schafe und Ziegen.

Darüber hinaus zeigten die Daten der EU-Kommission, dass mit 125 Millionen Hektar fast drei Viertel der landwirtschaftlichen Fläche genutzt wird, um Tierfutter anzubauen. »Selbst wenn man die für die menschliche Ernährung nicht verwertbaren Flächen wie Wiesen und Weiden davon abzieht, bleibt das Ergebnis erschreckend: 63 Prozent der Ackerflächen werden mit Pflanzen zur Erzeugung von Viehfutter und nicht für die Lebensmittelproduktion bebaut«, heißt es in dem Bericht.

Rund 30 Milliarden Euro fließen jedes Jahr in Form von Direktsubventionen in diese Betriebe, was jedem fünften Euro des Gesamtbudgets entspricht. Gefördert wird unabhängig davon, ob der Anbau klimafreundlich ist oder nicht. »Mit solchen Gießkannensubventionen verschenkt die EU enormen Gestaltungsspielraum«, sagte Lasse van Aken, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, gestern in einer Pressemitteilung. Dagegen müsse die Agrarförderung so gestaltet werden, dass Landwirte Umweltschäden vermeiden und das Klima schonen. Nur so werde die EU ihrer Verantwortung für eine nachhaltige Landwirtschaft gerecht.

In den nächsten Wochen wird im EU-Parlament der Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der GAP behandelt. »Die deutschen EU-Parlamentarier müssen sich dafür einsetzen, dass zukunftsträchtige, umwelt- und klimaschonende Anbaumethoden wie der Ökolandbau wirksam gefördert werden«, so van Aken. »Und statt weiter darauf zu beharren, dass die größten Betriebe die höchsten Subventionen einstreichen, sollte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner endlich umsteuern.«

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