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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

Wäre eine Vier nicht lieber eine Sieben?

Zum Tod des Schriftstellers, Zeichners, Illustrators und Kinderbuchautors Tomi Ungerer
Von Wiglaf Droste
»Für Gott ist da kein Platz«: Tomi Ungerer (2010)
»Für Gott ist da kein Platz«: Tomi Ungerer (2010)

»Der nächste, bitte«, sagt Freund Hein und grinst sein Totenschädelgrinsen. Nur sechs Wochen nach dem Dichter, Zeichner und Lehrer im besten Sinne, F. W. Bernstein, der seit dem 20. Dezember 2018 nicht mehr sterblich ist und im Alter von 80 Jahren der Welt den Rücken kehrte, starb, 87jährig, der Schriftsteller, Zeichner, Illustrator und Kinderbuchautor Tomi Ungerer im Haus seiner Tochter im südwestirischen Cork. Ungerer, der sich als überzeugter Elsässer und Europäer sah, hatte sich bereits Mitte der 70er Jahre auf einer riesigen Farm am südwestlichen Zipfel Irlands ein Refugium für sich und seine Familie geschaffen, ein Paradies mit Sturmwind und Atlantikrauschen, mit 1.000 Jahre alten Burgruinen, angelegten Steinskulpturengärten, einem Atelier, mehreren Cottages, mit Schafen und schlauen Hütehunden.

Als ich ihn im Juni 2016 dort traf, saßen wir an einem Tisch über der See, Ungerer rauchte Selbstgedrehte, was nicht so leicht war, denn er hatte nicht nur den Krebs und mehrere Schlaganfälle weggesteckt, sondern auch ein Auge verloren. »Beim Zeichnen stört es mich nicht«, sagte er lächelnd, »aber wenn ich mir eine Zigarette anzünden will, liege ich oft ein paar Zentimeter daneben.« Dann gelang es aber doch, er rauchte genüsslich und fluchte höchst vital auf die Nichtraucherlobbyisten, die er »Faschisten« nannte, und erklärte mir sein elsässisches Credo. Die Franzosen wie die Deutschen hätten sich das Elsass stets einverleiben wollen und sogar die elsässische Sprache verboten; das sei ein kulturelles Verbrechen, ein zumindest ernsthaft versuchter kultureller Mord. Und so wundert es nicht, dass der Storch, Wappentier des Elsass, in Ungerers Bildern immer wieder sehr zentral auftaucht – wie auch der Frosch, den Ungerer aber, anders als den Storch, am Leben und auf Störchen reiten lässt, und dem Ungerer ein ganzes »Kamasutra der Frösche« widmete.

Ein Erotomane war der in seinem Abschlusszeugnis als »pervers und subversiv« eingestufte Ungerer seit seiner Jugend, und »Perversion« und »Subversion« waren die Maßstäbe, mit denen der am 28. November 1931 in Strasbourg geborene junge Mann sich bis tief in die 60er Jahre herumschlagen musste, denen er sich aber stets widersetzte oder sich ihnen im Notfall entzog. In New York begann er mit Mitte Zwanzig eine Weltkarriere, wurde angefeindet, arbeitete weiter und blieb, solange es ging, zog, als es ihm zu arg wurde, mit seiner Frau nach Neuschottland, wo sie auf einer Farm mit ihren Tieren von der Geburt bis zur Hausschlachtung lebten, ging nach Irland und war wie ein Wirbelwind unterwegs in der Welt. Seine Produktivität war enorm; mehr als 140 Bücher, übersetzt in 28 Sprachen, haute Ungerer raus.

Sein bekanntestes und populärstes Werk ist das Märchen »Die drei Räuber«. 1961 erschienen, ist es so alt wie ich, aber im Gegensatz zu mir ist es unsterblich. Niemals werden Kinder aufhören, sich an Ungerers Bildern satt zu sehen und sich von solchen Sätzen begeistern zu lassen: »Es waren einmal drei grimmige Räuber mit weiten schwarzen Mänteln und hohen schwarzen Hüten. (…) Es waren schreckliche Kerle. Wenn sie auftauchten, fielen die Frauen um vor Angst, die Hunde zogen den Schwanz ein, und selbst die mutigsten Männer ergriffen die Flucht.« Das beflügelt die Phantasie, und ihre reizlose Stiefschwester namens Fantasy könnte nach Hause gehen und sich dort verkriechen, wenn sie denn ein Zuhause hätte.

Das, was gemeinhin »das Böse« genannt wird, kann gezähmt werden. Der Schlüssel heißt Liebe, und bei Ungerer ist es oft die naive, unbeirrbare Liebe eines Kindes, das aus einem zum einsamen Monster Gewordenen wieder einen Menschen macht. Wenn die Liebe mit einem Blitz die Mauern der Einsamkeit fortsprengt oder sie, viel wahrscheinlicher, geduldig und peu à peu schleift und abträgt, gibt es tatsächlich ein Happyend – aber eben erst am Ende, nicht von Anfang an wie in den schrecklichen deutschen Hasilein-und-Bärchen-sind-danz-nieb-Kinderbüchern, die von infantilen Müttern gekauft werden, damit ihre Kinder schon früh so debil, eingeschüchtert und angstzerfleddert werden, wie sie selbst es längst sind.

Aber Kinder, wenn man es ihnen nicht exorzistisch austreibt, sind nicht so leicht hereinzulegen und haben eine starke, feste Verbindung zu ihrer ganz eigenen Wahrheit. Und sie haben Fragen. Tomi Ungerer beantwortete sie. Immer nahm er Kinder ernst, traute ihnen mehr zu, als ihre eigenen Eltern es taten, ermunterte sie und stand ihnen Rede und Antwort. In dem winzigen Minute Book »Warum haben Erwachsene nie Zeit?« beantwortet Ungerer die Fragen aufgeweckter Kinder auf seine ganz eigene liebenswürdige Art. »Warum sagen Erwachsene dauernd, dass sie keine Zeit haben?« fragt die neunjährige Lucia, und Ungerer antwortet: »Weil ihre Zeit von der Arbeit aufgefressen wird. (…) Manchmal haben sie nicht mal Zeit für eine Gutenachtgeschichte oder ein Schlaflied. Ich wohne in Irland, und mir ist aufgefallen, dass hier viele Lkw- und Lieferwagenfahrer die Großeltern oder die jüngsten Kinder der Familie auf ihre Touren mitnehmen. Ich glaube, alles wäre ganz anders, wenn die Eltern ihre Kinder öfter mit an ihren Arbeitsplatz nähmen.«

Die Frage des sechsjährigen Joe, »Warum ist 2 + 2 = 4?, beantwortet Ungerer sehr verblüffend und bringt dazu noch seine Weltsicht auf den Punkt: »Weil das Rechnen sehr nützlich ist! Unser Dezimalsystem beruht auf der Anzahl unserer Finger. So hat der Höhlenmensch Zählen gelernt. (…) Beim Rechnen muss man verstehen, wofür die Zahlen stehen, was nicht so schwer ist. Man sollte aber auch nachsichtig mit ihnen sein, denn es hat noch niemand eine 4 gefragt, ob sie nicht lieber eine 7 wäre.«

Das letzte Wort gehört Tomi Ungerer, der ein unzähmbar unabhängiger, freier Geist war, produktiv, spielerisch, phantasievoll und mutig genug, die Welt als das anzusehen, was sie ist, und nicht als das, was sie nach den Maßgaben einer in Angst erstarrten Mehrheit sein sollte. Dabei hat Ungerer gar nichts gegen Angst als solche: »Keine Angst, kein Mut«, hat er gesagt; nur wer Angst kenne, könne auch den Mut entwickeln, sie zu überwinden.

Bei unserer Begegnung im Juni 2016 sagte Tomi Ungerer einen Satz, den ich nicht vergessen habe noch vergessen werde: »Der Tod, die Liebe, die Frauen, das ist das magische Dreieck. Für Gott ist da kein Platz.«

Kleiner Einstieg in Tomi Ungerers Universum: »Kein Kuss für Mutter«, »Die drei Räuber«, »Zeraldas Riese«, »Heute hier, morgen fort«, »Das große Liederbuch«, »Warum haben Erwachsene nie Zeit?« (alle bei Diogenes, Zürich)

Debatte

  • Beitrag von Ronald B. aus . (12. Februar 2019 um 06:22 Uhr)
    Der Nachruf auf den jüngst 87jährig verstorbenen Schriftsteller, Zeichner, Illustrator und Kinderbuchautor ist Wiglaf Droste gut und sehr gut gelungen. Allerdings bin ich beim letzten Satz des Nachrufes, von dem Droste schreibt, dass er ihn »nicht vergessen habe und nicht vergessen wird« und den er Tomi Ungerer zuschreibt, nicht ganz sicher, ob Tomi Ungerer ihn bei seiner Begegnung mit Wiglaf Droste im Juni 2016 wirklich so ausgesprochen hat: »Der Tod, die Liebe, die Frauen, das ist das magische Dreieck. Für Gott ist da kein Platz«, könnte Ungerer so gesagt haben, mangels Zeugen oder Niederschrift irgendwo würde ich diese Aussage aber eher Wiglaf Droste selbst zuschreiben, der ihn Ungerer am Schluss des Nachrufs sozusagen stilistisch in den Mund legt. Dementieren kann der Verstorbene das angeblich von ihm Ausgesprochene ja nicht, und für einen guten Effekt lässt Droste – so seit vielen Jahren schon meine insgeheime Vermutung – auch mal eine Vier, wo nicht angelehnt an Ungerer eine Sieben, da doch eine sprichwörtliche Neune sein. »Für Gott« mag in der Philosophie Ungerers so oder so »kein Platz« gewesen sein, für einen und sei es vagen Zweifel an der Buchstabenredlichkeit von Wiglaf Droste hingegen war und ist in jedenfalls meiner Betrachtung des speziell von Droste Dargebrachten immer Platz, das ist auch e i n e Wahrheit.
    Ronald B. aus K.

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