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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

An erster Stelle

Standhaft bis zuletzt: Zum 120. Geburtstag der Brandenburger Antifaschistin Gertrud Piter (1899– 1933)
Von Cristina Fischer
Den faschistischen Peinigern ins Gesicht gespuckt: Gertrud Piter
Den faschistischen Peinigern ins Gesicht gespuckt: Gertrud Piter (l.) in den späten 20er Jahren.

Gertrud Piter, heute vor 120 Jahren geboren, war mit sechs Geschwistern in einer Arbeiterfamilie in der Stadt Brandenburg an der Havel aufgewachsen und katholisch erzogen worden. Schon als 14jährige musste sie ihren Lebens­unterhalt selbst verdienen. Sie schloss sich bald der Gewerkschaft an, und 1922 wurde sie auch Mitglied der KPD. In ver­schiedenen Betrieben tätig, fand sie zuletzt eine Stelle in der lokalen Spielwarenfabrik. Ihr politisches Engagement verschaffte der jungen Arbeiterin mit dem runden Gesicht und der kessen Kurz­haarfrisur viele Sympathien, so dass sie 1924 als einzige Frau ins Stadtparlament von Branden­burg gewählt wurde.

1933 arbeitslos geworden, ging sie ohne zu zögern in den Widerstand. Sie gehörte der illegalen Unter­bezirksleitung der KPD Brandenburg an, traf sich mit den Genossen, half bei der Herstellung und Verbreitung von antifaschistischen Zeitungen, wie der »Roten BZ«, der Ortszeitung der KPD, und Flugblättern. Als der Leiter der Gruppe, der gleichaltrige Kommunist Otto Seeger, im Frühjahr 1933 untertauchen musste, übernahm Gertrud seine Funktion. Ihre Gruppe konnte sich noch bis September halten und wurde dann von der Gestapo aufgerollt. 45Antifaschisten sollen bei dieser Aktion insge­samt verhaftet worden sein.

Nach zehn Tagen wurde Gertrud Piter, die keine Aussagen machen wollte, in das KZ Branden­burg im ehemaligen Zuchthaus am Nicolaiplatz überstellt. Schreckliches soll sie dort ausgestanden haben, wie ein damaliger Häftling von einem SS-Mann hörte, der sich aufregte: »Solche Schweine, solche Halun­ken, diese Frau ist ja so standhaft, Tag und Nacht hat man sie geschlagen, aber sie gab keine Auskunft, wer ihre Mitarbeiter waren. Man schlägt sie schlimmer als einen Hund (…)« Als sie belei­digt wurde, habe sie ihren Peinigern sogar ins Gesicht gespuckt. Am nächsten Tag, dem 22. September 1933, hing die 34jäh­rige tot am Fensterkreuz.

Man geht davon aus, dass sie unter der Folter gestorben ist und dies vertuscht werden sollte. Es gab aber auch nicht wenige Antifaschisten, die nach unerträglichen Qualen in der Haft ihrem Leben selbst ein Ende setzten, um niemanden zu verraten, oder aus purer Verzweiflung. Gertruds Mutter wurde gerufen, um den Leichnam ihrer Tochter zu identifizieren. Er war blutunter­laufen, blau und geschwollen. An der Beerdigung auf dem Altstädtischen Friedhof durften nur die nächsten Angehörigen teilnehmen.

Gertruds vier Jahre ältere Schwester Martha war ebenfalls als Kommunistin verhaftet worden. Sie verbüßte eine siebenmonatige Haftstrafe im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße. Nach ihrer Ent­lassung setzte sie ihre antifaschistische Tätigkeit fort. Sie lebte in der DDR, wo sie 1982 hochbetagt starb.

Nach dem Krieg wurde der zen­tral gelegene ehemalige Magdeburger Platz in Brandenburg nach Getrud Piter benannt. Er heißt bis heute so; das Brandenburger Oberlandesgericht hat dort seinen Sitz. Bis Herbst 2013 trug auch eine kommunale Kinder­tagesstätte ihren Namen. Auf dem Altstädtischen Friedhof wurde ein Gedenk­stein mit den Namen von zehn ermordeten Brandenburger Widerstands­kämpfern errichtet. Gertrud Piter ist die einzige Frau darunter, ihr Name steht an erster Stelle.

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