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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Frühjahrsputz gegen Outsourcing

Die Kampagne »Justice for Workers« erkämpft in Großbritannien seit 2006 gewaltige Verbesserungen für Reinigungs-, Mensa-, Service- und Sicherheitspersonal
Von Eleonora Roldán Mendívil, London
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»Justice for workers« Sticker in London

Die »School of Oriental and African Studies« (SOAS) ist ein 1916 gegründetes Prestigecollege der Universität London. Über Jahrzehnte wurde der kolonial-administrative Nachwuchs des Britischen Imperiums hier angelernt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Einläuten der formellen Dekolonialisierung vieler ehemaliger britischer Kolonien, fanden aber ebenso antikoloniale Perspektiven ihren Weg in die Lehrräume der SOAS. Heute studieren kritische Geister westlicher Universitäten mit Kindern des Bürgertums aus ehemals kolonisierten Ländern Seite an Seite.

Im Verborgenen

Und doch passiert seit 2006 noch etwas anderes radikales an dieser Weltuniversität. Seit 2006 organisieren sich die Reinigungskräfte der Universität. Durch eine Anzahl von über 70 Prozent gewerkschaftlich organisierter Kolleginnen und Kollegen haben die Reinigungskräfte der Universität Zugeständnisse abgerungen, von denen anderes Reinigungspersonal in Großbritannien nur träumen kann.

Alles fing damit an, dass die externe Dienstleistungsfirma, bei der die Reinigungskräfte der SOAS angestellt waren, wechselte. Unter der neuen Firma Ocean verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen stark. Das Personal wurde von Vorgesetzten und Managern konstant schlecht behandelt. Als dann drei Monate die Gehälter ausblieben, hatten die Beschäftigten genug. »Die ersten Treffen 2006 fanden im Verborgenen statt, wir huschten über den Campus und suchten vor oder nach unseren Schichten freie Lehrräume, um uns zu organisieren«, erinnert sich Luis Carlos Valencia im Gespräch mit jW.

Der gebürtige Kolumbianer kam vor Jahrzehnten nach England und begann 2005, an der SOAS als Reinigungskraft zu arbeiten. Die mehrheitlich aus Südamerika kommende Belegschaft organisierte sich, trotz Sprachbarrieren und teilweise unsicherem Aufenthaltsstatus und forderte die Auszahlung der Gehälter. »Zentral war hierfür ein ecuatorianischer Genosse«, so Valencia. »Der Genosse hatte schon jahrelang an der SOAS geputzt und kannte viele Studierende, Dozierende sowie Arbeiterinnen und Arbeiter aus anderen Sektoren wie dem Catering und dem Empfang. Er war auch gewerkschaftlich organisiert und sprach bereits gut Englisch.«

Solidarität der Studierenden

Daraufhin wandten sich einige Reinigungskräfte bei einem Treffen der Studierendenvereinigung an die Hochschüler. »Die Studierenden waren von Anfang an sehr zentral für unsere Kampagne«, erzählt Valencia. »Vom ersten Tag an übernahmen sie Aufgaben und führten Aktionen aus, die oft für uns zu gefährlich waren. Jedoch auch die Bildungsgewerkschaft der Dozierenden, UCU, hat uns von Anfang an unterstützt.«

Von 2006 bis 2017 kam es zu Arbeitsniederlegungen, Blockaden und Besetzungen. Hierbei schafften es die migrantischen Reinigungskräfte, über 90 Prozent ihrer Kolleginnen und Kollegen gewerkschaftlich zu organisieren, und 2008 die »London Living Wage«, einen erhöhten Mindestlohn für die Metropolregion London zu erstreiten. Zwischen 2013 und 2014 folgten mehrere Streiks, welche in einen dreitägigen Ausstand mündeten. Die Reinigungskräfte erstreikten bessere Bedingungen für Lohnfortzahlungen bei Krankheit, bezogen auf das Urlaubsgeld, sowie eine höhere Altersrente.

Rückschläge

All dies geschah nicht ohne Rückschläge. 2009 wurden Reinigungskräfte zu einem »Notfalltreffen« berufen, bei dem Beamte der Ausländerbehörde auf sie warteten. Neun Reinigungskräfte ohne Papiere wurden festgenommen und abgeschoben. Eine der Arbeiterinnen war zu dem Zeitpunkt schwanger. Die Leitung als auch die Vorarbeiter übten immer wieder Druck auf die Sprecherinnen und Sprecher der Kampagne »Justice for Cleaners« aus.

Im März 2017 benannte sich die Kampagne in »Justice for Workers« um; Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Catering, Empfang und Sicherheit wurden unter einer neuen Firma mit den Reinigungskräften zusammengelegt. Als im Juni 2017 Teile der Cafeteria geschlossen und Arbeiterinnen und Arbeiter entlassen werden sollten, besetzten Studierende zwei Wochen lang die Leitungsräume der Universität. Durch medialen und politischen Druck konnte die Schließung der Cafeteria und die Entlassung der Arbeiter aufgehalten werden.

Valencia und seine Kolleginnen und Kollegen kämpfen weiter. Ihr Ziel: direkte Verträge über die SOAS, nicht über eine externe Firma. Seit dem 29. August 2018 sind Valencia, der 2017 zum Cafeteriapersonal wechselte, und alle seine Kolleginnen und Kollegen nun über die SOAS fest angestellt. Jetzt stehen ihnen mehr Krankentage bei Lohnfortzahlung und 30 statt 20 Tage bezahlter Urlaub zur Verfügung; sie können auf eine 16prozentige Altersrente (statt zuvor sechs Prozent zählen), aber haben auch die Möglichkeit, als Angestellte der Universität ein kostenloses Teilzeitstudium aufzunehmen.

»Ich werde mich zum Wintersemester 2019/2020 für den Masterstudiengang Recht, Entwicklung und Globalisierung bewerben und mein Studium fortführen«, so Valencia. »Uns ist es wichtig, aufzuzeigen, was man schaffen kann, wenn man sich organisiert. Wir wollen allen Reinigungskräften und migrantischen Arbeiterinnen und Arbeitern in England und darüber hinaus aufzeigen, dass ohne uns gar nichts läuft, und zeigen, welche gewaltige Macht wir als Klasse innehaben.«

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