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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 2 / Inland
Bundeswehr buhlt um Minderjährige

»Kritik an verharmlosender Werbung wächst«

»Red Hand Day« in NRW: Protest vor Landtag gegen Rekrutierung Minderjähriger durch Bundeswehr. Ein Gespräch mit Joachim Schramm
Interview: Markus Bernhardt
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Gemeinsam mit dem Bündnis »Schule ohne Bundeswehr NRW« ruft Ihr Verband für diesen Dienstag zu einer Kundgebung vor dem Düsseldorfer Landtag auf. Dort wollen Sie gegen die Anwerbung Minderjähriger durch die Bundeswehr protestieren. Warum ist das Parlament der richtige Adressat?

Grundlage für die Rekrutierung Minderjähriger ist, dass die Bundeswehr in großem Umfang an Schulen werben kann – zum einen direkt durch sogenannte Karriereberater, zum anderen indirekt durch Besuche von Jugendoffizieren. Die Bildungsministerien haben es in der Hand, diese Auftritte der Bundeswehr zu unterbinden. Statt dessen hat das NRW-Schulministerium eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr abgeschlossen. Deswegen protestieren wir vor dem Landtag und fordern die Regierungsparteien auf, gegen das Anwerben Minderjähriger aktiv zu werden und die Besuche an Schulen zu unterbinden.

Der Protest findet im Rahmen des »Red Hand Day« statt. Was hat es damit auf sich?

Erstmals wurden rote Hände als Zeichen des Protests am 12. Februar 2002 eingesetzt, als das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention in Kraft trat. Seitdem ist der »Red Hand Day« ein weltweiter Aktionstag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Das Zusatzprotokoll regelt, dass keine Kinder unter 18 Jahren in Kriegen und Konflikten als Soldaten eingesetzt werden dürfen. Doch die Bundeswehr macht von Ausnahmen Gebrauch und re­krutiert jedes Jahr zahlreiche Minderjährige. Auch dagegen wendet sich der Aktionstag.

Wie viele Minderjährige wurden in der Vergangenheit re­krutiert?

Seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 hat die Bundeswehr 11.500 Minderjährige eingestellt. 2018 waren 1.679 Soldatinnen und Soldaten noch keine 18 Jahre alt, als sie ihren Dienst bei der Bundeswehr begonnen haben. Damit ging die Zahl zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder zurück, obwohl die Armee nach eigenen Angaben ihre Anwerbepraxis nicht geändert hat. Hier wirkt sich offenbar die zunehmende öffentliche Diskussion über das Thema aus.

Ihre Organisation veranstaltet regelmäßig Proteste gegen die Werbung der Bundeswehr an Schulen und auf Berufsmessen. Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf Ihre Kritik?

Unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die die Bundeswehr toll finden oder die zumindest der Argumentation folgen, wonach »wir« eine Armee zu »unserer Sicherheit« brauchen. Es gibt aber auch die kritischen Schülerinnen und Schüler, die sehen, dass die Bundeswehr im Ausland für wirtschaftliche Interessen eingesetzt wird und sie Teil der Konfrontation zwischen NATO und Russland ist. Aber auch bei denen, die die Bundeswehr nicht prinzipiell ablehnen, wächst die Kritik an der verharmlosenden Werbung der Bundeswehr auf Plakaten und im Social-Media-Bereich. Wir arbeiten in dieser Frage auch gut mit den Schülervertretungen zusammen, sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene.

Allen Werbemaßnahmen der Bundeswehr zum Trotz hat die deutsche Armee seit Jahren Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren. Liegt das vielleicht daran, dass nur noch wenige junge Menschen dem Prinzip von Befehl und Gehorsam etwas abgewinnen können?

Die Bundeswehr ist aus der Zeit gefallen. Während man sich in Teilen der Wirtschaft um den Abbau von Hierarchien bemüht und Teamfähigkeit sowie Eigenverantwortung eine zunehmende Rolle spielen, baut die Bundeswehr nach wie vor auf Befehl und Gehorsam. Anders wird man Soldatinnen und Soldaten schließlich nur schwer dazu bringen können, andere Menschen zu töten, Bomben auf Häuser, in denen sich möglicherweise auch Zivilisten befinden, zu werfen oder den Abwurf von Atombomben zu trainieren. Auch der Drill, das ermüdende Wiederholen stupider Handlungen mit damit einhergehender Erniedrigung, gehört nach wie vor zur Armee. Das ist selbstverständlich für junge Menschen weitgehend unattraktiv.

Joachim Schramm ist Landesgeschäftsführer der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen« in Nordrhein-Westfalen (DFG-VK)

»Keine Rekrutierung Minderjähriger! – Red Hand Day 2019«: Protestkundgebung vor dem Düsseldorfer Landtag am 12. Februar, 14 Uhr

nrw.dfg-vk.de

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