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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Schnelle Verfahren

Der DFB urteilt mit seinem Sportgericht Klubs ab – im Visier ist aber die Fankurve
Von Oliver Rast
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Haben was gegen Kollektivstrafen: BVB-Fans

Beim Sportgericht des Deutschen Fußballbunds (DFB) ist manches anders: Hier stapeln sich keine Aktenberge auf und neben den Schreibtischen wie in den Amtstuben ordentlicher Gerichte. Zwischen Verstoß, Anklage und Urteil liegen zumeist nur wenige Wochen – auch die DFB-Justiz hat Saison.

Der DFB hat seine eigene Verbandsgerichtsbarkeit, den Kontrollausschuss als Anklagebehörde, das DFB-Sportgericht als Ausgangs- und das DFB-Bundesgericht als Rechtsmittelinstanz. Rechtliche Grundlage der Sportgerichtsbarkeit ist dem DFB zufolge das Grundgesetz, die Vereinsautonomie (Art. 9 Abs. 1 GG).

Aber: Ist die Sportgerichtsbarkeit des DFB durch die Vereinsautonomie gedeckt? »Grundsätzlich schon«, sagt René Lau, Mitglied der AG Fananwälte, auf jW-Anfrage. Da der Kontrollausschuss aber nicht nur Anklagebehörde, sondern in Einzelfällen auch Entscheidungsgremium sei, hat Lau »erhebliche Zweifel an einer einwandfreien Rechtsstaatlichkeit«.

Das sieht Rainer Koch, DFB-Vize, naturgemäß anders – und sagt gegenüber jW: »Aufgabe der Sportgerichtsbarkeit ist es, für Recht und Ordnung rund um die Durchführung von Fußballspielen zu sorgen.« Dazu gehöre, die Vorgaben der Verbandsstatuten und Stadionordnungen umfassend durchzusetzen. Die Klubs sind ihrem Verband verpflichtet – nicht nur das: »Der gastgebende Verein und der Gastverein bzw. ihre Tochtergesellschaften haften im Stadionbereich vor, während und nach dem Spiel für Zwischenfälle jeglicher Art«, so steht es in der Rechts- und Verfahrensordnung (RuVo) des DFB.

»Unsportliches Verhalten«, das ist der Hauptgrund für Urteile des DFB-Sportgerichts. Damit ist aber in aller Regel nicht die Blutgrätsche auf dem Platz, sondern die Kreativität aktiver Fans auf den Rängen gemeint. Über die RuVo sanktionieren die Verbandsrichter bevorzugt das Abbrennen und Zünden pyrotechnischer Gegenstände. Im typischen Fall urteilt ein Einzelrichter im schriftlichen Verfahren auf der Basis einer Anklageerhebung des DFB-Kontrollausschusses.

Willkür und Intransparenz bei Sportgerichtsurteilen – das will Koch nicht auf sich sitzen lassen: Der DFB habe im vergangenen Sommer umfassende Transparenz mit dem Strafzumessungsleitfaden (»Strafenkatalog«) und der Veröffentlichung von Urteilen geschaffen, betont Koch. Sig Zelt, Sprecher von Pro Fans, widerspricht: »Das ist eine bürokratische Pseudotransparenz.« Er fordert vom DFB, konkret offenzulegen, welche Gründe zu welchen Entscheidungen geführt haben.

Beispiel: Strittig sind die addierten Strafgelder. Dabei zählen DFB-Spielbeobachter exakt nach – oder schätzen: Pro gezündetem Rauchtopf oder Bengalo in den Fankurven berechnet das Sportgericht 1.000 Euro. Jedenfalls bei Anhängern von Erstligisten, in Liga zwei und drei zahlen die Klubs für den Stadionfeuerzauber gestaffelt weniger, 600 bzw. 300 Euro. Für Anwalt Lau erschließt sich nicht, weshalb für ein und dasselbe Delikt je nach Ligazugehörigkeit ein anderer Betrag aufgerufen wird, »und warum dieser nicht geringer oder höher ist.«

Lassen sich Pyrotechnik und bengalische Fackeln in den Stadien durch sportgerichtliche Urteile gegen die Klubs aus den Stadien verbannen? Die Erfahrung lehrt: kaum. Henry Schulz, Sprecher der Fanhilfe Dortmund, sagt gegenüber jW: »Es liegt auf der Hand, Geldstrafen wegen Pyrotechnik im Stadion haben keine präventive Wirkung.«

Willkür bestehe weiterhin bei Schmährufen und beleidigenden Gesängen, »die ja an jedem Spieltag in jedem Stadion vorkommen«, sagt Schulz, »mal werden sie bestraft, mal nicht«. Auch gegnerische Fans und Vereine herabsetzende Botschaften auf Bannern werden in dem einen Fall geahndet, andere Fälle ignoriert.

Trotz des angeblichen Moratoriums von Kollektivstrafen (Blocksperrung, »Geisterspiele«) durch den DFB sind Urteile, die Zuschauer betreffen, fast immer ein Ausdruck von »Kollektivstrafen, die unserem Rechtssystem gänzlich fremd sind«, sagt Lau.

Zelt fragt: »Warum unterliege ich als Zuschauer dem Sportgericht?« Und weiter: »Unser Verband, der DFB, sollte uns vertreten, nicht gegen uns vorgehen.« Das Sportgericht solle sich auf das Spielgeschehen auf dem grünen Rasen konzentrieren, alles andere gehöre vor die ordentliche Gerichtsbarkeit, die Zivilgerichte.

Mehrere 100.000 Euro Geldstrafe hat das DFB-Sportgericht bereits in der laufenden Saison gegen Klubs der drei deutschen Profiligen verhängt. Verbandsstrafen, eine lukrative Einnahmequelle für den DFB? Koch verneint. Aufgrund gesetzlicher Vorgaben fließen die Gelder zwar in den DFB-Haushalt, Einnahmen würden damit aber nicht erzielt. Mit den Mitteln unterstützt der DFB gemeinnützige Projekte, Mitgliedsverbände oder Fußballstiftungen wie die Robert-Enke-Stiftung.

Im Visier bleibt der aktive Fan: Ziel des DFB ist es, »auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und die Identifizierung der Täter durch die Vereine hinzuwirken«, so Koch. Tataufklärung und Täterermittlung wirken sich für die Vereine »sanktionsmindernd« aus. So will das Koch mit seinem Konzept der »täterorientierten Sanktionierung«.

Ermittelte Fans können für eine Pyrochoreographie durch zivilrechtliche Regressansprüche der Klubs finanziell abgestraft werden. Fanvertreter Zelt: »Und das für einen fiktiven, künstlich generierten Schaden.«

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