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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Nicht blöde rumstehen

In der Retrospektive »Selbstbestimmt – Perspektiven von Filmemacherinnen« bleibt der Osten weitgehend unsichtbar
Von Grit Lemke
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Anklänge an die 68er-Bewegung in der DDR: Ingrid Reschkes »Kennen Sie Urban?«

Szene am Kinderbett: Die schwangere Gila (lässig: die junge Jenny Gröllmann) erklärt dem überfordert wirkenden Hoffi, wie die von ihr ganz selbstverständlich geplanten drei Kinder jeweils untergebracht werden, und wenig später, dass sie natürlich dennoch planmäßig ihr Studium beenden und arbeiten gehen wird. Gefolgt von der Aufforderung an ihn, sich einzubringen, statt blöde rumzustehen – und der Frage: »Bist du dazu bereit?«

»Kennen Sie Urban?« der früh verstorbenen und zu Unrecht unbekannten DEFA-Regisseurin Ingrid Reschke ist eines der Highlights der Berlinale-Retrospektive. Auch deren Pressetext kolportiert, was gemeinhin zu diesem außergewöhnlichen Film zu lesen ist: Es gehe um jugendliche Außenseiter in der DDR. Tatsächlich zeichnet Reschke ein sehr authentisches Bild jener Zeit und ihrer Anklänge an die 68er-Bewegung in der DDR. Interessant ist allerdings, dass es gerade die Frauenfiguren sind, die Stärke entwickeln, und dass die Bewährung des Helden am Ende nicht auf einer sozialistischen Baustelle – wo eine Vielzahl auch der von DEFA-Frauen gedrehten Filme spielen – stattfindet, sondern dadurch, Verantwortung auch für sein Kind zu übernehmen. Der titelgebende Vorbildgenosse Urban hingegen hinterlässt im häuslichen Umfeld eine Art Trümmerfeld, während er hier und da den Sozialismus aufbaut. Ein Ansatz, der sich nicht nur bei dieser ostdeutschen Regisseurin entdecken lässt (obwohl ostdeutschen Regisseurinnen feministische Intentionen gern abgesprochen werden).

Was für eine großartige Möglichkeit des gesamtdeutschen Vergleichs weiblichen Filmschaffens böte eine solche Retrospektive! Die freilich vor der nicht zu bewältigenden Aufgabe steht, in wenigen Slots ca. 70 Jahre Filmgeschichte nachzuholen. Klar, dass da vieles keinen Eingang finden kann. Warum aber von insgesamt 49 Titeln ganze neun von ostdeutschen Regisseurinnen stammen, bleibt unverständlich. Das Argument, es gäbe nicht mehr Material von DEFA-Frauen, entkräftet ein Buch, das die DEFA-Stiftung pünktlich zur Berlinale samt Doppel-DVD herausbringt. »Sie« enthält Beiträge zu 63 (!) DEFA-Regisseurinnen. Nun könnte man einwenden, dass nicht alles, was sie drehten, hohe Filmkunst war. Eine Reihe der westdeutschen Filme in der Retrospektive gehört allerdings ganz sicher auch nicht in die Kategorie »Filmkunst« – man sehe sich nur das laienhafte, heute unfreiwillig komische Spiel der Darstellerinnen in »Für Frauen, 1. Kapitel« von Cristina Perincioli an. Dennoch hat natürlich auch dieser Film seine Berechtigung, war er doch wichtig für seine Zeit und thematisiert er doch die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen.

Man könnte den DEFA-Werken also vorwerfen, dass sie oft nicht bewusst mit weiblicher Stimme erzählten und die offene Rebellion unterließen. Dies trifft aber mit Blick auf die Filme – der dem Publikum hier ja verwehrt wird – überraschend oft nicht zu. So hat beispielsweise Gitta Nickel immer wieder Frauen porträtiert, die ungleiche Bezahlung und Behandlung ansprechen und selbstbestimmt zu leben versuchen – meist gegen Widerstände. Nickel ist übrigens mit ca. 80 Werken wahrscheinlich die (gesamt-)deutsche Regisseurin mit dem größten Œuvre und wird hier mit einem – wenn auch aus feministischer Sicht wichtigen – Kurzfilm abgespeist. Da fehlt wirklich vieles. Generell überrascht die Auswahl der wenigen ostdeutschen Werke – und das nicht positiv. Wie man in so einem Programm Tamara Trampe, eine der wichtigsten deutschen Regisseurinnen, nicht berücksichtigen kann, bleibt ein Geheimnis. Warum man von Róza Berger-Fiedler nicht ihren herausragend schönen und mutigen Rosa-Luxemburg-Film, sondern ein eher alle Konventionen bestätigendes Porträt einer Bürgermeisterin auswählte, auch. Oder ging es hier genau darum, dass ein gewisses Bild vom Osten bestätigt werden sollte?

Schade, denn auch unser Bild von der deutschen Befindlichkeit 30 Jahre nach der »Wende« ändert sich durch diese Retrospektive nicht. Der Osten bleibt weitgehend unsichtbar. Übrigens ist auch »Pro Quote Film« – der unbestritten wichtige Zusammenschluss von Frauen in der Filmbranche – in der Führungsetage eine zu 100 Prozent westdeutsche Angelegenheit. Schon absurd zu glauben, man könne eine Ungleichbehandlung beseitigen, indem man eine andere zementiert.

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