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Aus: Ausgabe vom 06.02.2019, Seite 16 / Sport

Ein würdiger Champion

Von André Dahlmeyer
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Mann mit deutlicher Handschrift: César Luis Menotti

Einen wunderschönen guten Morgen! In Argentinien war am Wochenende der 17. Spieltag der sogenannten Superliga (SAF). Fehlen noch acht. Überraschungsklub Defensa y Justicia aus Florencio Varela, einem Vorort aus dem Süden von Buenos Aires, schaffte es – nach dem Auswärtserfolg bei Abstiegskandidat San Martín de Tucumán dank eines Last-Minute-Goals –, erneut mit Tabellenführer Racing Club nach Punkten gleichzuziehen. Das war am Freitag.

Am Sonntag kickte Racing daheim im Cilindro von Avellaneda, einem an die Hauptstadt angepappten industriellen Vorort, gegen den Club Atlético Huracán. Ein Sechs-Punkte-Match im doppelten Sinne. Als Tabellenvierter und mit neun Punkten Rückstand startete Huracán in das Match als letzter Club mit einigermaßen realistischen Titelambitionen. Solche Spiele, wie das Duell gegen den Klassenstreber, zählen immer doppelt. Die andere Frage war nur statistisch. Eine Niederlage hätte zwölf Punkte Differenz bedeutet und ein leise lächelndes »Adios«, ein Sieg hingegen hätte Huracán auf sechs Punkte herangebracht. Letzteres misslang.

Huracán ist nur einmal in seinem Heißluftballonleben argentinischer Meister geworden, das war das Campeonato Metropolitano 1973, und der Trainer hieß César Luis Menotti. Halb Westdeutschland verliebte sich damals in diese Art von Fußball. Bei der WM 1974 war Menotti noch nicht der Trainer der Albiceleste, deren Fußball die Jahre zuvor völlig in Dekadenz zerfallen war. Indes: Die Handschrift Menottis war schon ein bisschen zu erkennen. Es wehte bereits ein neuer Wind. Das argentinische Team begeisterte den Fußballfreund bei der Teutonen-WM, jener WM, die den Ausverkauf des Fußballs weltweit besiegelte. In Karlsruhe beispielsweise jubelten sie keck.

2009 wurde Huracán im »Endspiel« gegen Vélez Sarsfield verschaukelt. Die AFA, der Balltretverband der Gauchos, hatte angeordnet, dass ein Team wie Huracán unmöglich argentinischer Meister werden könnte. Das würde die internationalen Fernseheinnahmen kaputtmachen. Nachdem der Schiri dieses Matches, Gabriel Brazenas, nach dem Spiel Dinge publik gemacht hatte, die der AFA gar nicht gefielen, wurde er in den vorgezogenen Ruhestand geschickt – aber immerhin nicht liquidiert.

Als Ende Januar der mittlerweile achtzig Jahre alte César Luis Menotti während seiner Präsentation als neuer AFA-Direktor von der wissbegierigen Presse gefragt wurde, weshalb er dieses Angebot ausgerechnet jetzt akzeptiert habe, antwortete Menotti: »Vorher hat mich keiner gefragt. Ich habe 1982 meinen Posten niedergelegt, weil es ideologische Probleme mit der AFA, mit Grondona gab.« Menotti ließ offen, ob diese sogenannten ideologischen Probleme sich darauf bezogen, dass ihm eine Vergangenheit als Sympathisant der Kommunisten nachgesagt wird, oder ob es um den Gusto des Fútbol ging. Menotti liebte es vertikal, Angriff war nicht die beste, sondern die einzige Verteidigung. Carlos »Erlöser« Bilardo, sein Nachfolger, lange Zeit praktizierender Gynäkologe, war hingegen ein Schachbrettmeister – nicht umsonst kommt er aus der Stadt der Diagonalen, La Plata. Bei ihm spielten hinten vier oder fünf, vorne meist nur einer.

Racing gewann gegen Huracán (zwei Platzverweise) mit 3:1. Das Team von »Chacho« Coudet scheint unaufhaltbar. Ich bin Fan von Independiente seit den 70ern, dem Erzrivalen von Racing, aber sorry: Was Racing demonstriert, ist eine Ode an den Fußball. Abgesehen davon: 13 von 17 Spielen gewonnen. Ich ziehe meinen Sombrero, Muchachos von Racing. Ihr werdet ein würdiger Campeón. Danke für so viel Fußball!

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