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Aus: Ausgabe vom 02.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Revolutionsjubiläum

»Nieder mit den Trinkgeldern«

Eine Ausstellung im Berliner Museum für Fotografie zur Revolution 1918/19
Von Sabine Lueken
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Wir können auch anders – Revolutionäre im Berliner Zeitungsviertel, Januar 1919 (Foto: Willy Römer)

»Nieder mit den Trinkgeldern« – »Wir fordern feste Entlohnung«. Mit diesen Parolen demonstrierten am 1. und 2. Januar 1919 in Berlin auch die Kellner, von denen sich Harry Graf Kessler, als Zeitzeuge aktuell im »Berliner Themenwinter 100 Jahre Revolution« häufig zitiert, nur insoweit tangiert fühlte, als dass er sein Abendessen im Restaurant für zehn Minuten unterbrechen musste. Der Betrieb ging weiter, auch in den Bars, Kabaretts und Tanzlokalen, trotz revolutionärer Umtriebe auf den Straßen Berlins.

Den Kellnerstreik hatte Willy Römer abgelichtet, und seine Fotos sind die besten der über 300 im Berliner Museum für Fotografie. Römer, der Bildchronist der Revolution, war überall und mittendrin. Er zeigt die Menschenmengen in den ersten Tagen, dicht gedrängt, erwartungsvoll und heiter, am Brandenburger Tor, als Philipp Scheidemann zu den heimkehrenden Truppen spricht, »Spartakisten« verschanzt hinter Rotationsrollen vor dem Mossehaus im Zeitungsviertel am 11. Januar, junge Burschen im »Kaffee Vaterland«, wo sich das Werbebüro für die Freikorps befand, Warteschlangen vor den Wahllokalen, Schlächterwagen, Pferdedroschken und Schulkinder auf Rollschuhen während des Verkehrsstreiks, im März die »ausgehungerten« Lichtenberger »Bewohner der Kampfzone (…), die Öffnung der Lebensmittelgeschäfte« erwartend, Hunderttausende auf der Großen Frankfurter Straße beim letzten Geleit für Rosa Luxemburg am 13. Juni 1919. Er fotografierte die Kämpfe und Kaffee- und Kuchenverkauf beim Arbeitsnachweis der Landesversicherungsanstalt, »Spielhöllen« und Straßenhandel.

Viele Szenen, v. a. die mit Kampfhandlungen, wurden von den Fotografen damals offensichtlich nachgestellt, denn mit den großen Plattenkameras konnte man Bewegung schlecht ablichten. Römer arbeitete, wie die anderen, z. B. die ehemaligen Kriegsreporter Otto und Georg Haeckel, auf eigene Faust und verkaufte die Aufnahmen an die Verlage Ullstein und Mosse. Die Pressezensur der Kriegszeit war aufgehoben. Als »Edition Photothek« so hieß Römers einstmalige Firma – hatte der kleine Kreuzberger Verlag Nishen die Fotos bereits in den 80er Jahren publiziert.

Die »Regierungstruppen«, soviel sieht man, setzten im Laufe der Wochen immer größere Geschütze ein: Maschinengewehre, Artilleriekanonen, Handgranaten und Panzer, also die modernen Kriegswaffen der Westfront. Die Folgen waren zerschossene, zerbombte Gebäude und Tausende von Toten. Im Straßenhandel gab es Postkarten, auf denen die Zerstörungen zu sehen waren, und man fand offenbar nichts dabei, Abbildungen von »standrechtlich Erschossenen« oder »Opfern der Kämpfe« zu verschicken. Man sieht die wachsende Gewalt, aber von wem ging sie aus? Die Ausstellungsmacher wollten die Fotos als »Primärquellen« behandeln und nicht zur Illustration von Erklärungen. Dieses Konzept geht nicht auf. Wenn man nicht über weitreichende Kenntnisse verfügt, versteht man nichts. Mit den beigefügten Lupen kommt man zwar den Gesichtern, nicht aber der historischen Wahrheit nahe.

Die zeitgleiche »Parallelwelt« der amüsierwütigen Berliner dokumentieren Starfotos, Plakate und anderes Material der Unterhaltungskultur: Ein Ausschnitt aus Ernst Lubitschs Film »Madame Dubarry« (1919) mit dem Stummfilmstar Pola Negri, ein Plakat der Schauspielerin Senta Söneland im Metropol-Kabarett oder eines mit einem nach der Vorkriegsmode gekleideten Paar, den Foxtrott (Fuchstanz) »Mariposa« tanzend. Alles wirkt antiquiert, noch dem Kaiserreich zugehörig, wo es auch schon Bars, freche Kabaretts und frivole Tänze gab. Die »neue«, politische Kunst der Moderne, Bauhaus usw., die wir mit Weimar verbinden, entstand erst ab Dezember 1919, nachdem die Revolution niedergeschlagen war.

Was wurde aus den Künstlern dieser Zeit? Aus Senta Söneland, Fritz Grünbaum und vielen anderen? Sie fielen den Nazis zum Opfer. Wie die Revolution den führenden SPD-Politikern. Das wäre Stoff für eine neue, andere Ausstellung.

Bis 3. März, Berlin, Museum für Fotografie

Der Katalog kostet 45 Euro

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