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Aus: Ausgabe vom 02.02.2019, Seite 8 / Inland
»Aufruf zur Scheinehe«

»Reaktionen im Netz ließen nicht lange warten«

Shitstorm für Seenotretter: Bild und Co. hetzen wegen Tweet über das Verlieben in Geflüchtete. Ein Gespräch mit Axel Steier
Interview: Kristian Stemmler
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Das Seenotrettungsschiff »Lifeline« liegt im Hafen von Valletta, Malta (13.7.2018)

In bürgerlichen Medien gibt es Aufregung um einen Tweet der Seenotrettungsorganisation »Mission Lifeline«, der als »Aufruf zur Scheinehe« kritisiert wurde. Am Mittwoch vergangener Woche twitterten Sie: »Ihr seid noch nicht verheiratet? Vielleicht verliebt Ihr Euch zufällig in einen Menschen, der*die hier noch kein Bleiberecht hat. Könnte passieren, oder? Bleibt offen!« Was wollten Sie damit erreichen?

Die Motivation war ganz einfach, einen Tweet für die Liebe zu machen. Es wird immer abstrakt von irgendwelchen Flüchtlingen gesprochen, es werden bloße Zahlen genannt, wie viele auf dem Mittelmeer ertrunken sind und so weiter – aber dass es auch um Gefühle von Individuen geht, kommt selten vor. Daran wollten wir erinnern. Mit Scheinehen hat das nichts zu tun.

Aber ein bisschen Provokation war schon dabei, oder?

Nein, so war es nicht gedacht. Soll man sich nicht verlieben, wenn man nicht verheiratet ist? Das ist doch sogar ein konservativer Ansatz. Wir werden im übrigen auch von der katholischen Kirche unterstützt.

Zuletzt gab es viele Berichte über einen kleinen Jungen, der in Spanien in ein Bohrloch gefallen war. Wie wirkt das auf Sie vor dem Hintergrund, dass im Mittelmeer jede Woche Menschen ertrinken?

Natürlich war es völlig berechtigt, dass alles getan wurde, um den Jungen zu retten, auch wenn das am Ende nicht gelungen ist. Aber es ist schon auffällig, dass Europa auf der anderen Seite Flüchtlingen auf dem Mittelmeer die Hilfe versagt. Es ist sicher nicht einfach, die Aufmerksamkeit für ihr Schicksal immer wieder neu zu wecken. Man braucht da heutzutage effektvolle Bilder.

Zurück zu dem Tweet. Bild hatte das Thema zuerst aufgegriffen, dann folgten andere. Überrascht Sie die scharfe Kritik, die von Philipp Amthor, Innenpolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und Michael Theurer, Vizechef der FDP-Bundestagsfraktion, in Bild geäußert wurde?

Dass der Tweet so eine Aufregung auslöst, hat uns schon überrascht. Aber gerade Amthor ist für uns kein Unbekannter. Der hetzt ja schon seit geraumer Zeit gegen die Seenotrettung im Mittelmeer. Und die Kritik von der FDP kam auch wenig überraschend – die rückt ja immer weiter nach rechts, zum Beispiel in Sachen Klimawandel. Auch Stephan ­Mayer von der CSU, parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, hat in der Welt gegen uns polemisiert und behauptet, der Tweet wäre eventuell eine Straftat.

Amthor verstieg sich zu der Äußerung, Ihre Organisation wolle »unser Ausländerrecht mit ihrer linken Ideologie hintertreiben und unseren Rechtsstaat an der Nase herumführen«. Er sprach zudem von »Schlepperhelfern«. Das ist doch schon die Diktion der AfD.

Das ist es eindeutig. Amthor verschiebt bewusst den Diskurs nach rechts. Angeheizt durch solche Äußerungen ließen die Reaktionen im Netz nicht lange auf sich warten. Bei Twitter gab es schlimme Ausfälle, bei Facebook Tausende Kommentare mit Beleidigungen, Drohungen und Vernichtungsphantasien. Außerdem will man uns vor Gericht stellen.

Was sagen Sie zu der Behauptung, der Tweet könne ein Aufruf zu strafbaren Handlungen sein, also ein Appell, Scheinehen mit Flüchtlingen einzugehen?

Das ist doch Unsinn. Dafür hätte man das ganz anders formulieren müssen. Für uns steht außer Frage, dass dieser Tweet mutwillig anders interpretiert worden ist, als wir ihn gemeint haben.

Es gibt noch einen Nebenschauplatz in dieser Diskussion. Bild hat fälschlich behauptet, der Kapitän Ihres Rettungsschiffes »Mission Lifeline«, Claus-Peter Reisch, wäre in Malta wegen Schleuserei angeklagt.

Das ist eine falsche Tatsachenbehauptung, es geht in dem Prozess um Fragen der Registrierung des Schiffes. Wir haben Bild deshalb eine Aufforderung zur Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung zukommen lassen. Die Zahlen, die Bild in dem Beitrag angibt, stimmen übrigens auch nicht. Auf das Recherchieren von Fakten scheinen die nicht spezialisiert zu sein. Sie machen nur Stimmung.

Axel Steier ist Soziologe, Rettungsassistent und Mitbegründer der Organisation »Mission Lifeline« aus Dresden

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