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Aus: Ausgabe vom 01.02.2019, Seite 4 / Inland
Bedrohtes Erholungsgebiet

»Grüne Lunge« wird verteidigt

Protest in Frankfurt am Main: Park soll teilweise zubetoniert werden
Von Gitta Düperthal
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Sieht süß aus, wirft aber keine Rendite ab: Ein Eichhörnchen im Günthersburgpark in Frankfurt am Main

Bauen, bauen, bauen: »Wie können wir bloß das ewige Mantra der SPD durchbrechen, eine Stadt mit Beton zuzupflastern, wäre eine positive Sache?« So fasste ein Teilnehmer des Vernetzungstreffens von Umwelt-, Sozial- und Mieterinitiativen in Frankfurt am Main am Dienstag zusammen, was viele in Zeiten von Klimawandel und Dürresommern bewegt. Seit 2015 kämpft die Bürgerinitiative »Grüne Lunge« gegen das Vorhaben des Planungsdezernenten Mike Josef (SPD), eine der letzten Ruheoasen der Stadtbewohner zuzubetonieren. Der Magistrat der Stadt aus CDU, SPD und Grünen plant, im Nordend eine Garten- und Parkanlage plattzumachen, um auf 16 Hektar rund 1.500 Wohnungen hochzuziehen: »Überwiegend Immobilien im Luxuspreissegment in Höhe von bis zu 2,5 Millionen Euro«, gerade mal 30 Prozent gefördertes und 15 Prozent genossenschaftliches Wohnen sei die Auflage, wie Alexis Passadakis von der Gruppe »Climate Justice Rhein-Main« bei dem Treffen erklärte. Um bezahlbaren Wohnraum für Geringverdienende und den Mittelstand, wie von der SPD stets behauptet, gehe es kaum.

Viele sind wütend. Genommen werden soll ihnen ein Erholungsgebiet, zugleich eine Frischluftschneise, die im Nordosten der Stadt auch bei extremer Hitze noch aufatmen lässt. Im Sommer heize sich die Stadt zunehmend auf, es gebe Hitzetote, beschrieb einer der Aktiven die schon jetzt problematische Lage. Laut dem Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen in Frankfurt waren im August 2018 bei Temperaturen von bis zu 37 Grad Celsius an manchen Tagen mehr als 200 Menschen in Hessen gestorben; rund 50 mehr, als statistisch zu erwarten gewesen sei.

Bislang war das Gebiet am Frankfurter Günthersburgpark mit 46 Vogel-, elf Tagfalter- sowie 226 Farn- und Samenpflanzenarten ein Idyll. Es geht darum, mit welchen Folgen Spekulanten in der Frankfurter Innenstadt verdichten und aufstocken wollen – ohne Rücksicht auf Ökologie, Kultur und Klima. Dies thematisieren die Dokumentarfilmerinnen Sabine Hoffmann und Jana Schlegel in ihrem Film »Bau(m)land«, der am Dienstag beim Treffen im »Café Kurzschlusz« lief.

Der Hauptinvestor, die Instone Real Estate AG, habe sich Optionen auf bis zu 45 Prozent der Fläche der »Grünen Lunge« gesichert, informierte Passadakis. Auf ihrer Webseite wirbt die Instone AG mit »Wertschöpfung für die Zukunft« und Börsengang. Dahinter stehen global agierende Megafonds und Banken: Fidelity Management and Research Limited Liability, Goldmann Sachs, The Capital Group Companies, DWS Investment GmbH etc. Die Mietenexplosion in Frankfurt werde weiter angeheizt. Geplant sei eine antiquierte Stadtentwicklung, während sich das globale Klimachaos und Artensterben verschärfe: Ohne Rücksicht auf zeitgemäße Herausforderungen solle die Stadt »vollgestopft werden mit Beton und 1.400 Autoparkplätzen«.

Perfide findet Passadakis, dass die grüne Lunge Frankfurts ursprünglich unter dem Namen »Ernst-May-Quartier« zubetoniert werden sollte. Ernst May gehörte in den 1920er Jahren einer Reformbewegung von Architekten an, die neue soziale Wohnqualität auch für Geringverdienende und den Mittelstand realisierte: großzügig mit Gärten ausgestattet. Das Gegenteil dessen, was der Frankfurter Magistrat trotz aller Proteste durchboxen will. Nachdem das »Innovationsquartier« zum Hassobjekt geworden war, benannte das Planungsdezernat sein Projekt in »Günthersburghöfe« um. Nach dem gleichnamigen Park, der nicht mehr sein wird, was er mal war. Die Stimmung der Aktivisten ist verhalten optimistisch: Wenn es mit dem Erhalt des Hambacher Walds klappt – warum nicht auch hier?

Demo und Kundgebung: Samstag, 9. Februar, 12 Uhr, Fünffingerplätzchen Frankfurt am Main

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