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Aus: Ausgabe vom 31.01.2019, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Das Sportler-Prekariat

Athleten kommen einer Studie der Kölner Sporthochschule zufolge nicht einmal auf den Mindestlohn
Von Oliver Rast
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Mit Hängen und Würgen: Leistungssport muss man sich leisten können

Spitzensportler – alles Spitzenverdiener? Von wegen. Eine Mitte Januar veröffentlichte Studie der Deutschen Sporthochschule Köln im Auftrag der Stiftung Deutsche Sporthilfe belegt: 7,41 Euro Stundenlohn bei einer 56-Stunden-Woche, das ist die Realität für Leistungssportler hierzulande. Der gesetzliche Mindestlohn liegt aktuell bei 9,19 Euro. 1.087 von der Sporthilfe geförderte Athleten haben im März und April 2018 an der Befragung zu ihrer Lebens- und Einkommenssituation teilgenommen.

Und auch das sagt die Studie: Spitzenathleten nehmen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung im Laufe einer idealtypischen Karriere zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr einen Verzicht beim Bruttoarbeitsverdienst in Höhe von durchschnittlich 58.000 Euro in Kauf. Einbußen bei der Altersvorsorge durch einen verspäteten Berufseinstieg kommen hinzu.

Groß sei die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung, Sportprofis müssten steinreich sein, und dem prekären Athletenalltag, sagt Florian Dubbel, Kommunikationsleiter der Sporthilfe, auf jW-Nachfrage: »Das kann man der Bevölkerung nicht vorwerfen, wenn sie jeden Tag einen Ronaldo in den Medien präsentiert bekommt.«

Welche Athleten bekommen Unterstützung? »Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Bundessportfachverbände wählen Sportler im Rahmen einer jährlichen Gesamtüberprüfung aus«, erklärt Dubbel. Diejenigen, die der DOSB und die Spitzenverbände für eine Förderung vorschlagen, werden gewöhnlich in die Sporthilfe übernommen. Sachleistungen (Seminare und Versicherungen) sowie Gelder aus den Fördertöpfen erhalten nur Aktive aus den Olympia-, Perspektiv- oder Nachwuchskadern der Spitzenverbände. Die Mittel sind gestaffelt; die, die es bis zur absoluten Spitze schaffen, erhalten mehr. »Ein ganz normales Prozedere«, findet Dubbel. Doch selbst die Besten erhalten kaum mehr als 1.000 Euro monatlich.

Im Mai 1967 ist unter Mitwirkung von Willi Daume, langjähriger Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK), die Stiftung Sporthilfe gegründet worden. Bis vor anderthalb Jahren generierte die Stiftung ihren Etat aus privaten Mitteln, »keine Steuergelder«, wie Dubbel betont. Im zweiten Halbjahr 2018 bewilligte der Deutsche Bundestag erstmals eine direkte Unterstützung in Höhe von 3,5 Millionen Euro. 18 Millionen Euro Förderetat stehen der Stiftung für etwa 4.000 unterstützte Athleten aus 50 Sportarten aktuell zur Verfügung. Für das laufende Jahr sind bereits sieben Millionen Euro im Bundeshaushalt eingestellt worden. Für Dubbel »ein enormer Sprung«.

Finanziell besser geht es Athleten, die bei der Bundeswehr, der Bundespolizei oder beim Zoll sind und entsprechend besoldet werden. 827 Dienstposten für Aktive und Betreuer gibt es beim Militär, 85 beim früheren BGS und 75 beim Zoll. Ausbildung und Spitzensport werden als duales System so miteinander koordiniert, dass Training und Wettkampf Priorität haben. Einen militärischen Schnellkurs – viel mehr absolvieren Sportsoldaten nicht.

Die Auslese ist rigoros: Um einer der 15 Sportfördergruppen der Bundeswehr anzugehören, müssen Athleten in einem Nationalmannschaftskader sein. Der Kampfauftrag lautet: olympisches Edelmetall. Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, fordert gegenüber jW mehr Zivilität: »Auch Athletinnen und Athleten, die nicht an der Waffe dienen möchten, sollten eine staatliche Sportförderstelle bekommen können.«

Sportler spielen oft gratis, selbst in den Bundesligen. »Es gibt bei uns keine bezahlten Spieler«, sagt Anton Ebeling, aktiv beim Erstligisten Berliner Hockey-Club (BHC) im jW-Gespräch. Und das trotz eines dichten Wochenprogramms mit Trainingseinheiten und Ligapartien. Dass Klubs ihren Akteuren kein Salär zahlen, bestätigt auch Ingo Goessgen, Präsident des Rugby-Bundesligisten RK 03 Berlin, gegenüber jW: »Wir sind ein reiner Amateurverein.«

Und was motiviert die Spieler? »Spaß und Freude«, sagt Tino Volkert, 19jähriger Kapitän des BHC. Er bekommt als BWL-Student ein Sportstipendium von 400 Euro im Monat von der Sporthilfe. »Immerhin.« Ausreichend ist das aber nicht, viele jobben neben Leistungssport und Studium. Manchmal unterstützt das Elternhaus das sportliche Hobby des Sprösslings.

Professioneller Leistungssport solle überhaupt nicht staatlich alimentiert werden, fordern hingegen Kritiker und plädieren für eine komplette Privatisierung. Aber schon jetzt, bilanziert die Studie der Sporthochschule, »liegt eine stark individualisierte Finanzierung des deutschen Spitzensports bei einem sozialisierten Nutzenkonsum vor«.

Was meinen Sportpolitiker? Zwischen der Autonomie des Sports und staatlicher Förderung müsse ein »gesunder Kompromiss« gefunden werden, sagt Britta Dassler, sportpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, gegenüber jW. Spitzenathleten »verdienen eine verlässlichere Förderungsgrundlage«. Dassler regt eine Kaderprämie an. Ihr SPD-Kollege Detlev Pilger befürchtet: »Eine Privatisierung des Sports hätte zur Folge, dass nur wenige Sportarten unterstützt würden.« Die Vielfalt des Leistungssports in Deutschland lasse sich nur mit staatlicher Hilfe bewahren. Lazar ergänzt: »Insbesondere viele Athletinnen und Frauenteams und fast der gesamte paralympische Sport würden sonst nicht über die Runden kommen.«

Fakt ist: Ein Athlet muss sich seinen Spitzensport leisten können.

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