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Aus: Ausgabe vom 25.01.2019, Seite 15 / Feminismus
»Leuchten in den Augen der Frauen«

Lichtblicke in Schuttwüsten

Frauenrevolution unter dem Damoklesschwert des Krieges: Eindrücke der feministischen Kampagnengruppe »Gemeinsam kämpfen« in Rojava
Von Anja Hoffmann
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Etappensieg: Im Juni 2015 feierten YPJ-Kämpferinnen und YPG-Kämpfer die Befreiung von Tel Abjad. In Rakka saßen damals noch Dschihadisten

Seit Ende November befindet sich eine Delegation der feministischen Kampagnengruppe »Gemeinsam Kämpfen« im Selbstverwaltungsgebiet Nordostsyriens, auch bekannt unter dem kurdischen Namen Rojava. Die Teilnehmerinnen hatten die Möglichkeit, mit vielen Vertreterinnen der dortigen Frauenbewegung zu sprechen. Unter anderem besuchten sie Rakka, die 2017 befreite ehemalige Hochburg der Terrormiliz »Islamischer Staat«.

Rakka gleicht einer Schuttwüste. Vielfach sind die oberen Stockwerke der Häuser zerstört, während in den Wohnungen unten schon wieder Menschen leben. Straßen und Parks sind vom Schutt befreit, Wasser- und Stromversorgung funktionieren, die größte Gefahr sind Minen, mindestens 6.000 Menschen wurden in Rakka durch sie verletzt oder getötet. Der Aufbau ist in vollem Gange. »Es sind vor allem die Frauenorganisationen, die hier der Motor des Wiederaufbaus sind. Viele Frauen hatten während der fünfjährigen Besatzung durch den sogenannten Islamischen Staat die Hoffnung auf ein freies Leben verloren. Wir wussten nicht, dass es eine Befreiungsaktion für Rakka gibt«, so Xewla Al-Issa, die Sprecherin des Frauenrates von Rakka. »Fernsehen und Telefone waren verboten, wir kamen kaum aus dem Haus. Frauen und Mädchen wurden vom IS verschleppt und missbraucht.«

Seit der Befreiung im Oktober 2017 organisieren sich Tausende Frauen in Kommunen und Räten, nicht nur in Rakka, auch in Manbidsch, Saddadi, Hol, Tabqa und vielen anderen überwiegend arabischen Orten. Die Begeisterung der Bewohnerinnen über den Aufbau der Frauenbefreiungsbewegung scheint nahezu grenzenlos. »Warum haben wir die Ideen Abdullah Öcalans* und die Frauenbefreiungsbewegung erst jetzt kennengelernt?« fragt Meryem Ibrahim in Rakka. »Es ist so, als hätte ich das ganze Leben darauf gewartet. Als die bewaffneten Frauen der QSD, der Demokratischen Kräfte Syriens, begonnen haben, Rakka zu befreien, wusste ich, dass ich darin eine Rolle spielen will. Als die Bomben auf unsere Stadt fielen, hatte ich keine Angst, ich habe gelacht.«

Evin Goyi von Kongreya Star, der Konföderation der Frauenorganisationen in Rojava, meint dazu: »Die Selbstverwaltung in Frauenräten, das System des Kovorsitzes, Frauensicherheits- und Selbstverteidigungskräfte – für uns ist das nach sieben Jahren Revolution schon so selbstverständlich, aber in den arabischen Gebieten siehst du noch dieses Leuchten in den Augen der Frauen.« Inzwischen ist die arabische Bevölkerung in der Demokratischen Föderation von Nord- und Ostsyrien demographisch in der Mehrheit. Ausländische Organisationen versuchen gezielt, den arabischen Teil von Nordostsyrien vom kurdischen Teil und der Idee des Demokratischen Konföderalismus abzuspalten, indem sie Hilfsangebote unter der Prämisse machen, dass die Städte sich von der Selbstverwaltung abwenden.

Seit einigen Wochen droht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, den Norden Syriens anzugreifen. Dies würde die Errungenschaften der Frauenrevolution sehr zurückwerfen, wie schon in Afrin geschehen, das am 20. Januar 2018 angegriffen und besetzt wurde. Mindestens 3.000 Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende mussten fliehen. Die meisten leben in Zelten in Sahba, einem Gebiet im Süden von Afrin. Immer noch fliehen Menschen, da das Plündern, Foltern und Morden kein Ende nimmt. Junge Mädchen werden von Dschihadisten vergewaltigt, Männer verschleppt, gefoltert und erst gegen Lösegeld wieder freigelassen.

»In Afrin war der Aufbau von Frauenstrukturen am weitesten fortgeschritten, was an der Gesellschaftsstruktur liegt. Feudale Clans, wie in Kobani, und auch die kleinbürgerlich-liberale Strukturen wie in der Cizire gab es nicht. In jedem Dorf gab es einen autonomen Frauenrat«, berichtet uns Ehlam Omer, eine Frau aus Afrin, die wir in Til Temir treffen.

»Es wurde jedoch aus den Angriffen auf Afrin gelernt«, so Ronahi von den Frauenverteidigungskräften (YPJ) International, »die Vorbereitungen auf den Krieg laufen auf Hochtouren. Jede Person, die eine Waffe halten kann, wird auch an ihr ausgebildet«. Dies übernehmen die kommunalen Zivilverteidigungseinheiten (Hezen Parastina Cewheri, kurz HPC) und die Frauenzivilverteidigungskräfte HPC Jin. Wenn der Krieg komme, stünden sie an der Seite der Volks- und Frauenverteidigungskräfte YPG und YPJ sowie der Ordnungskräfte, der Asayis, betont Ronahi. »Wir bereiten uns vor. Wir wissen, wie wir uns als eine Gesellschaft organisieren müssen, die auch im Krieg weiter funktioniert«, so Hediya Ahmed Abdullah von den HPC Jin. »Am Boden sind unsere Kräfte erfahren«, erklärt sie. »Was aber sollen wir Kampfjets entgegensetzen? Daher fordern wir eine Flugverbotszone für Rojava«.

Überall, egal ob in arabischen, syrisch-aramäischen oder kurdischen Communities betonten alle Frauen, mit denen wir sprachen, man werde sich nicht spalten lassen und die unter so großen Opfern erkämpfte Freiheit nicht kampflos aufgeben. »Es ist für uns Frauen eine große Chance, in dieser Phase zu leben und Teil dieser Revolution zu sein. Hier findet eine Revolution in der Revolution statt. Auf der einen Seite kämpfen wir für unsere Identität als Kurdinnen gegen den Feind, der uns vernichten will, andererseits führen wir einen Kampf in der Gesellschaft selbst«, erklärt Hediya Ahmed Abdullah. »Wir haben viele Ketten gebrochen und darauf sind wir stolz. Heute hatten wir eine Ratsversammlung. Zwölf Frauen haben sich freiwillig gemeldet und gesagt, wir sind bereit, mit der Waffe in der Hand gegen Erdogan zu kämpfen.«

Für die Kampagnengruppe »Gemeinsam Kämpfen« bedeutet die Erfahrung, einige Monate hier in der Frauenrevolution verbracht zu haben, reale Eindrücke vom Aufbau einer Alternative zum kapitalistischen Patriarchat mitzunehmen. Diese Bewegung betont immer wieder, dass die linken und feministischen Kräfte weltweit die strategischen Bündnispartner sind. Damit stehen wir in der Verantwortung.

*Anm. d. Red.: Mit Parolen wie »Ein Land kann nicht frei sein, wenn die Frauen nicht frei sind« nahm der Mitbegründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, in den 1990er Jahren als Mann in der patriarchal geprägten Region eine vergleichbare Rolle ein wie im deutschsprachigen Raum August Bebel mit der Schrift »Die Frau und der Sozialismus« von 1879.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. (25. Januar 2019 um 03:18 Uhr)
    Der Artikel strotzt nur so von Kurden-Mythen und Propaganda: Rakka ist eine arabische Stadt und

    war nie Kurdengebiet. Die Stadt wurde durch US-Bombardements (u. a. Phosphorbomben) völlig zerstört, unzählige Zivilisten fanden den Tod, die Leichen verwesten wochenlang auf den Straßen.

    Über dieses Grauen kein Wort in diesem Bericht; vielmehr wird von der Freude der Bewohner - sie

    konnten angeblich angesichts der Befreiung über die verheerenden Bombardierungen nur lachen

    - erzählt.

    Aus Rakka wurden in südwestlicher Richtung die IS-Kampfverbände über spezielle Korridore

    in südostlicher Richtung (mit Unterstützung der Kurden) auf die SAA losgelassen, die sich dadurch

    nur unter schweren Verlusten zum Euphrat vorkämpfen musste!

    Noch einmal: Was haben die Kurden in Rakka zu suchen? Dann die Mär von angeblich hoher kurdischer

    Kampfkraft - noch nie ist im Syrienkrieg eine Region/Stadt (Afrin) so schnell aufgegeben worden. Ebenso das US-Märchen - bei den Linken sehr beliebt - die Kurden trügen die Hauptlast im Kampf

    gegen den IS.

    Das den Artikel zierende Foto schlägt schließlich dem Fass den Boden aus: frisch gewaschene

    gut gelaunte flotte Kurdenkämpferinnen auf dem Weg zum Sieg. Tja Freunde/Freundinnen so wird

    Krieg heute wieder propagiert!

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