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Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 16 / Sport
Skispringen

Die zweite Garde

Kennen Sie eine deutsche Skispringerin? Der Kader im Überblick
Von Oliver Rast
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»Auf und Ab zwischen Continental- und Weltcup«: Pauline Heßler aus der LG Ib

Leitungssport ist Klassifizierung. Die besten Skispringer starten im Weltcup, darunter gibt es den Continentalcup, die »zweite Liga«. Das ist bei den Frauen genauso, aber noch nicht sehr lange. Den ersten offiziellen Wettbewerb für Springerinnen veranstaltete der Skiweltverband FIS in der Saison 2003/04 im Rahmen einer Junioren-WM. Bis zur Saison 2010/11 war der Continentalcup die höchste Wettkampfklasse bei den Frauen, seit der Saison 2011/12 gibt es für sie auch eine Weltcupserie. Olympisch ist das Skispringen der Frauen seit den Winterspielen 2014 im russischen Sotschi.

Sprungtechnisch gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Um eine ausreichend hohe Absprunggeschwindigkeit zu haben, starten Springerinnen ein, zwei Luken (oder Startbalken) weiter oben. Dadurch erzielen sie ähnliche Schanzenweiten wie die Männer. Die besten Voraussetzungen haben Leichtgewichte. Kaum 50 Kilogramm bringen die Athletinnen auf die Waage. »Die maximale Belastbarkeit der Knie- und Sprunggelenke ist bei den Damen geringer«, sagt Florian Schwarz, Pressereferent des Deutschen Skiverbands (DSV), gegenüber jW. Eine flachere Flugkurve reduziere den »Landedruck«.

»Knallhart«, betont Schwarz, sei die interne Ausscheidung um die sechs Weltcup-Startplätze. Sie wird alljährlich im Herbst auf dem Bundesstützpunkt in Oberstdorf ausgetragen. Vier, fünf Springerinnen seien für die erste Liga gesetzt; ein, zwei Plätze vakant. Einige, die aktuell im Continentalcup antreten, haben früher schon mal um Weltcuppunkte gekämpft. Neben Verletzungspech können größere Formschwankungen dazu führen, dass Athletinnen im Saisonverlauf auf- oder absteigen. »Letztlich ist die Fluktuation aber nicht sehr hoch«, meint Schwarz.

Wie ist der Kader der Skispringerinnen aufgebaut? »Von einem A-, B- und C-Kader sprechen wir seit der Strukturreform innerhalb des DSV von Ende 2017 nicht mehr«, sagt Wencke Hölig, Verantwortliche für den Skisprung in der Leistungssport GmbH des DSV, auf jW-Nachfrage. Olympia-, Ergänzungs- und Perspektivkader, untergliedert in sogenannte Lehrgangsgruppen (LG), das seien die korrekten Begriffe für das Kadermodell.

Von der LG Ia bis zur LG IIb reicht das Schema. In der LG Ia sind die sechs Topstarterinnen für den Weltcup. Für den können sich die Springerinnen der LG Ib durch gute Plazierungen im Continentalcup empfehlen. Darunter folgt die LG IIa, die im Continental-, aber auch im FIS-Cup an den Start gehen. Mit diesem Modus ist der Bundestrainer der Skispringerinnen, Andreas Bauer, nicht zufrieden. Im jW-Gespräch sagt er: »Ich hätte lieber eine kompakte, einheitliche Wettkampfserie für die zweite Garde.«

Als Talentschmiede des DSV gilt die LG IIb; deren Mitglieder zum Teil erst 14 Jahre alt sind. Sie starten unter anderem im Alpencup, der Sprungbühne dritter Klasse. Von ihnen gibt es auf der DSV-Homepage noch keine Porträtfotos.

Der Continentalcup dieser Saison umfasst vier Leistungsvergleiche. Nach dem Auftakt im norwegischen Notodden fand am vergangenen Wochenende im slowenischen Planica der zweite Wettbewerb statt. Die nächsten Stationen sind Brotterode in Thüringen (Ende Februar) und Rena in Norwegen (Anfang März).

Die Bilanz der beiden DSV-Starterinnen am Wochenende in Planica fiel recht mager aus. Arantxa Lancho und Lilly Kübler verpassten die Top ten, landeten nur im Mittelfeld. Das Ergebnis sei aufgrund einer Terminkollision verzerrt, erklärt Bauer. »Unsere eigentlichen Starterinnen wie Selina Freitag oder Agnes Reisch waren auf dem Weg zur Juniorinnen-WM nach Finnland.«

Skisprung ist Risikosport – Verletzungen werfen Athletinnen oft weit zurück. In dieser Saison traf es Gianina Ernst, die auf dem Weg zurück in den Weltcupzirkus war. Ein Landungssturz beim Continentalcup in Notodden Mitte Dezember machte ihr einen Strich durch die Rechnung: Kreuzbandriss im linken Knie. »Gianina war dabei, mit sehr guten Leistungen zurück ins Weltcupteam zu springen«, bedauerte der Bundestrainer. Ihre Zwangspause wird mehrere Monate dauern.

Auch Springerin Pauline Heßler aus der LG Ib kennt das Auf und Ab zwischen Continental- und Weltcup. Am vergangenen Wochenende sprang sie im japanische Zao um Weltcuppunkte, konnte mit Sprüngen von 76,5 und 79,5 Metern allerdings keinen gewinnen. Sie landete damit in den ersten Durchgängen auf den Rängen 33 und 31. Für eine Teilnahme am zweiten Durchgang, in dem Punkte vergeben werden, hätte sie mindestens 30. werden müssen.

Muss die 20jährige zurück in den Continentalcup? Trainer Bauer beruhigt: »Bei mir stehen die Türen immer ein wenig offen, gerade für jüngere Springerinnen.« In Japan habe Heßler Lehrgeld zahlen müssen. »Beim Weltcup-Springen im rumänischen Rasnov am nächsten Wochenende ist sie mit dabei.« Eine neue Bewährungsprobe also.

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