Gegründet 1947 Donnerstag, 18. April 2019, Nr. 92
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 7 / Ausland
Übergriffe in Ecuador

Pogrom in Ibarra

Hetzjagden auf venezolanische Einwanderer in Ecuador. Präsident lenkt mit Rassismus von Gewalt gegen Frauen ab
Von Ainarú Añez, Caracas
115952968.jpg
Protest gegen Gewalt an Frauen: Demonstration nach einer Vergewaltigung in einer Bar in Quito (21.1.2019)

In der Stadt Ibarra im Norden Ecuadors ist es in den vergangenen Tagen zu Hetzjagden auf Einwanderer aus Venezuela gekommen. Auch Frauen mit kleinen Kindern wurden angegriffen, Wohnungen von Migranten attackiert, Habseligkeiten der Bewohner auf die Straße geworfen und verbrannt. Mehrere Menschen sollen ermordet worden sein. Die venezolanische Regierung stellte Flugzeuge zur Verfügung, um Staatsbürger in die Heimat zurückzuholen.

Auslöser für die Pogrome war der Mord an einer 22jährigen. Die im vierten Monat schwangere Frau wurde am vergangenen Samstag auf offener Straße von ihrem Partner, einem venezolanischen Staatsbürger, niedergestochen. Berichten zufolge wurden Polizisten Zeugen der Tat, griffen jedoch nicht ein und leisteten dem Opfer keine Hilfe.

In dieser Situation erklärte Ecuadors Staatschef Lenín Moreno per Twitter: »Ecuador ist und bleibt ein Land des Friedens. Ich werde nicht zulassen, dass irgendein Antisozialer ihn stört.« Als Sofortmaßnahme kündigte er die Bildung von »Brigaden« an, die den Aufenthaltsstatus von venezolanischen Einwanderern »auf der Straße, an den Arbeitsplätzen und an der Grenze kontrollieren« sollen. Kurz darauf ordnete Ecuadors Regierung an, dass jeder Bürger Venezuelas bei der Einreise ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müsse.

Die 37 Jahre alte Rechtsanwältin Mercedes Solórzano, die seit einem Jahr im ecuadorianischen Guayaquil lebt, sagte im Gespräch mit junge Welt, sie halte sich seit Tagen aus Angst vor Übergriffen zusammen mit ihrer Familie versteckt. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro verurteilte die »nazifaschistische Verfolgung«, und Außenminister Jorge Arreaza machte Moreno direkt für die Sicherheit seiner Landsleute verantwortlich. Die Vereinten Nationen, die Organisation Amerikanischer Staaten und speziell deren Interamerikanische Menschenrechtskommission äußerten sich dagegen bislang nicht zu den Vorgängen.

Daniel Regalado, Vorsitzender einer Vereinigung von in Ecuador lebenden Venezolanern, kritisierte das Vorgehen Morenos. Seit Monaten forderten die Migranten eine Klärung des Status, den sie in Ecuador hätten. Viele warteten noch auf ihre bei den Behörden beantragte Aufenthaltsgenehmigung. Deshalb bedeute die Bildung von »Brigaden«, die Venezolaner sogar an ihren Arbeitsplätzen, in den Schulen oder zu Hause kontrollieren, »psychologischen Terror«.

Per Pressemitteilung erklärte die von Anhängern des früheren ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa gegründete Partei »Revolución Ciudadana« (Bürgerrevolution), Moreno versuche davon abzulenken, dass sich die Sicherheitslage in Ecuador ständig verschlechtere. Die immer höhere Zahl von Feminiziden – Morden an Frauen – zu leugnen und Einwanderer aus Venezuela für die Gewalt verantwortlich zu machen, sei ein »Ausdruck von Ausländerfeindlichkeit«.

Nach offiziellen Angaben der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) wird in der Region statistisch »alle drei Stunden eine Frau von ihrem Lebensgefährten oder früheren Partner ermordet«. Für das Jahr 2017 kam die UN-Kommission auf 2.975 Fälle. In Ecuador wurden nach Angaben der Frauenhäuser seit 2014 mindestens 600 Feminizide registriert, im vergangenen Jahr wurden bis zum 18. November 75 Morde gezählt.

In der Provinz Imbabura – zu der die Stadt Ibarra gehört – gaben nach Informationen des Internetportals Ecuador en Cifras 63,5 Prozent der Einwohnerinnen über 15 Jahren an, bereits mindestens einmal zum Opfer von Gewalt durch eine andere Person geworden zu sein – in drei Vierteln der Fälle handelte es sich beim Täter um den Partner oder Expartner. Die Rechtsanwältin Ana Cristina Vera, die für die feministische Organisation »Surkuna« Opfer berät, hält die offiziellen Statistiken allerdings noch für zu niedrig. So würden Morde an Frauen nicht als solche gezählt, wenn sich der Täter anschließend selbst umbringe oder wenn ursprünglich keine Tötungsabsicht bestanden habe.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Hunderttausende Ecuadorianer in Venezuela niedergelassen, um ihre Lebenslage zu verbessern. Insbesondere seit dem Amtsantritt von Hugo Chávez vor fast 20 Jahren konnten sie alle Sozialprogramme des venezolanischen Staates in Anspruch nehmen. So profitierten viele vom Bauprogramm »Gran Misión Vivienda Venezuela«, in deren Rahmen bislang über 2,5 Millionen Wohnungen fertiggestellt wurden, die zu günstigen Preisen vermietet werden. Es gab zudem keinerlei Einschränkungen bei der Anstellung im öffentlichen Dienst oder in Privatunternehmen.

Ähnliche:

  • Migranten aus Venezuela im August in Ecuador. Sie dienen der Reg...
    20.10.2018

    Kurswechsel in Quito

    Ecuador bricht diplomatische Beziehungen mit Venezuela ab
  • Befehle empfangen: US-Vizepräsident Michael Pence und Ecuadors P...
    25.08.2018

    Nach Washingtons Pfeife

    Rechtsruck in Lateinamerika: Ecuadorianische Regierung kündigt Austritt aus fortschrittlichem Staatenbund ALBA an
  • Will in Südamerika »radikal reinen Tisch machen«: US-Vizepräside...
    29.06.2018

    Pence auf Beutezug

    US-Vizepräsident wirbt in Südamerika um Unterstützer gegen progressive Regierungen

Mehr aus: Ausland