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Aus: Ausgabe vom 21.01.2019, Seite 2 / Inland
Protest von Mietern gegen Vonovia

»Davon haben wir Mieter überhaupt nichts«

Frankfurt am Main: Modernisierung von Häuserblock in altem Arbeiterviertel. Bewohner üben scharfe Kritik an Vonovia. Ein Gespräch mit Michael Martis
Interview: Gitta Düperthal
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Protest gegen Wohnungsnot und explodierende Mieten als Geschäftspraxis von Immobilienkonzernen findet sich vielerorts in der BRD (Stuttgart, 14.6.2018)

Die Auseinandersetzungen zwischen Mietern eines Wohnblocks im traditionellen Arbeiterviertel Gallus in Frankfurt am Main und der Vonovia GmbH eskalieren weiter. Am vergangenen Mittwoch versammelten sich Bewohnerinnen und Bewohner, um mit ihrem Ärger über die skandalösen Zustände in den insgesamt 107 Wohnungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Weshalb sind Sie sauer?

Seit Februar 2016 gibt es fortdauernde Baumaßnahmen an unserem Wohnblock, wodurch für uns Mieter erhebliche Mängel entstehen. Die meisten von uns wurden mit einer lächerlichen Einmalzahlung in Höhe von 250 Euro für den ganzen Zeitraum abgespeist. Jeder Mieter muss sein Recht individuell einklagen. Aus unserer Sicht müsste Vonovia pauschal jedem von uns eine Mietminderung zugestehen. Statt dessen legt der Konzern seit letztem Monat elf Prozent der jährlichen Modernisierungskosten auf uns Mieter um. Für eine Zweizimmerwohnung zum monatlichen Mietpreis von etwa 400 Euro warm müssen Sie in der Konsequenz nun rund 100 Euro mehr zahlen, also 25 Prozent mehr.

Wie muss man sich Ihre aktuelle Wohnsituation vorstellen?

Staub, Baulärm, Dreck – unter diesen Umständen müssen wir seit Jahren leben. Haustüren schließen nicht richtig. Private Keller sind schwarz vom Ruß, weil ein Schornstein gereinigt wurde, ohne dass er zuvor abgedeckt wurde. Der Umbau hätte 2017 schon beendet sein sollen, ist es aber bis heute nicht. Um es kurz zu machen: Hier findet eine sogenannte Modernisierungsmaßnahme statt, von der wir Mieter überhaupt nichts haben.

Gibt es Hoffnung auf Besserung in der Zukunft?

Unsere Wohnqualität ist durch jahrelang anhaltende Bautätigkeiten gemindert. Dieser Zustand wird sich absehbar nicht ändern. Der Spielplatz ist für Kinder nicht mehr zu nutzen, weil dort Baucontainer stehen. Der Dachboden steht nicht mehr zur Verfügung – dort werden neue Wohnungen gebaut. Eine Grünfläche, die uns zur Erholung diente, soll mit einem Wohnhaus und einer Tiefgarage bebaut werden. Den Garten, in dem wir unsere Wäsche aufhängen konnten, gibt es nicht mehr. Bäume werden gefällt, kein Vogelzwitschern ist mehr zu hören. Ein Kiosk in der Nachbarschaft, in dem Kinder und Erwachsene bislang einkaufen konnten, wird abgerissen. All diese Maßnahmen sollen wir auch noch über unsere Miete mitfinanzieren. Wenn aber auf der anderen Seite durch einen Rohrbruch die Wände durchnässt werden und Schimmel entsteht, werden diese Mängel über einen langen Zeitraum nicht behoben. Etwa 300 Mieter in diesem Wohnblock sind ständig genervt von Baumaßnahmen, von Schmutz und Lärm. Vonovia behauptet, die Wohnqualität würde steigen. Aus unserer Sicht ist seit Jahren alles schlechter geworden.

Der Immobilienkonzern behauptet in einem Schreiben vom 3. Januar an den Frankfurter »Mieterbund Hoechster Wohnen«, das junge Welt vorliegt, einige Mieter hätten ihr Handeln darauf abgestimmt, »Maßnahmen zu behindern, zu verzögern und dem Unternehmen möglichst großen Schaden zuzufügen«. Was sagen Sie dazu?

Vonovia weigert sich, auf unsere Beschwerden einzugehen und verleumdet aktive Mieter, die sachliche Kritik an dem Vorgehen haben. Viele von uns wären hier längst weg, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Aber im Arbeiterviertel Gallus leben eben hauptsächlich Menschen, die sich hochpreisige Wohnungen in der Mainmetropole nicht leisten können. Vonovia ärgert sich jetzt, weil wir an die Öffentlichkeit gehen.

Was wollen Sie dadurch erreichen?

Das Unternehmen hat bereits in der ganzen Republik mit schlechter Presse zu kämpfen. Wir sind nicht allein mit unserer Kritik, der Widerstand gegen die Praxis solcher Immobilienkonzerne wächst. Die sich daraus ergebende Forderung ist klar: Wohnungen müssen in der öffentlichen Hand bleiben. Es ist der falsche Weg, sie an Immobilienhaie zu verkaufen, die lediglich an den eigenen Gewinnen interessiert sind, nicht aber am Gemeinwohl. Das gilt genauso für ehemals günstigen Wohnraum, wie es ihn in den alten Eisenbahnersiedlungen in der Wallauer Straße gegeben hat. Der war einst im Besitz der Deutschen Bahn und gehört jetzt Vonovia.

Michael Martis ist Aktivist der Mieterinitiative des Wohnblocks Wallauer Straße 2–6/Mammolshainer Straße 3 in Frankfurt am Main

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