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Aus: Ausgabe vom 21.01.2019, Seite 1 / Titel
Neoliberalismus

Clan-Kriminalität wächst

Studie: Vermögen der Milliardäre in Deutschland um mehr als 20 Prozent gestiegen. Jedes fünfte Kind von Armut betroffen
Von Simon Zeise
Georg Schaeffler,Susanne Klatten,Stefan Quandt von links nach re
Die deutschen Oligarchen Georg Schaeffler (l.), Susanne Klatten und Stefan Quandt bereichern sich schamlos

Die Bundesrepublik zählt zu den Industrienationen, in denen die Ungleichheit am größten ist. Das reichste eine Prozent der Kapitalisten verfügt hierzulande über soviel Vermögen wie die ärmsten 87 Prozent der Lohnabhängigen. Das geht aus einem Bericht zur sozialen Ungleichheit der Organisation Oxfam hervor.

Im vergangenen Jahr konnten die Multimilliardäre in der BRD förmlich im Schampus baden, denn laut Bericht ist es ihnen gelungen, ihren Reichtum um 20 Prozent zu steigern. Geschmiert liefen ihre Geschäfte dank der freundlichen Hilfe der Bundesregierung. Beim Amtsantritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2005 hatten die Hochvermögenden in Deutschland Bargeld, Einlagen, Wertpapiere und Forderungen an Versicherungen im Wert von rund vier Billionen Euro angehäuft. 14 Jahre später hat es die Bundesregierung geschafft, das Geldvermögen der »privaten Haushalte« auf mehr als sechs Billionen Euro zu steigern – das Bruttoinlandsprodukt der BRD umfasste 2018 lediglich 3,3 Billionen Euro. Möglich wurde das deshalb, weil Deutschland das Eldorado für Kapitalisten ist. Das Erbe von Konzernchefs wird auf Minderjährige übertragen, um den Besitz am Fiskus vorbeizuschleusen. Eine Vermögenssteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben.

Für die Leistung der Bundesregierung ist schnell ein Zeugnis ausgestellt: Mit 15,8 Prozent liege die Armutsquote auf dem höchsten Stand seit 1996, teilte Oxfam mit. Jedes fünfte Kind sei von Armut betroffen. Frauen verdienten im Durchschnitt 21,5 Prozent weniger als Männer. Schlechter sei die Lage in der EU nur in Estland und Tschechien.

Weltweit seien die Vermögen der Superreichen 2018 täglich um 2,5 Milliarden Dollar (2,19 Milliarden Euro), also insgesamt 900 Milliarden Dollar gestiegen, berichtet Oxfam – ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 26 Milliardäre besäßen genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das Vermögen von Amazon-Chef Jeffrey Bezos, dem reichsten Mann der Welt, sei 2018 auf 112 Milliarden Dollar angewachsen. Das Gesundheitsbudget Äthiopiens entspreche demnach einem Prozent seines Vermögens.

Die Bosse und Spekulanten haben diese Summen nicht erarbeitet. Sie bedienten sich am öffentlichen Eigentum, raubten den von der arbeitenden Bevölkerung geschaffenen Mehrwert. Die Einkommen und Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung sind im vergangenen Jahr um elf Prozent gesunken. 3,4 Milliarden Menschen hätten pro Tag maximal 5,50 Dollar zur Verfügung. Vielen von ihnen drohe etwa bei Krankheit der Fall in die extreme Armut, weil sie Behandlungen oder Medikamente nicht bezahlen könnten. Insgesamt lebten 736 Millionen Menschen in extremer Armut und müssten mit weniger als 1,90 Dollar täglich versuchen zu überleben.

Doch es regt sich Widerstand. In Frankreich gingen am Sonnabend erneut 84.000 »Gelbwesten« auf die Straße, um gegen die Kürzungspolitik des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu demonstrieren. ATTAC Deutschland hatte am Freitag abend erklärt: »Die Erosion des Vertrauens nicht nur zu Macron, sondern zu den etablierten Institutionen bei gut zwei Dritteln der Bevölkerung ist Symptom der allgemeinen Krise neoliberaler Wirtschafts- Sozial- und Gesellschaftspolitik.« Es sei ein »genereller Ausdruck von Wut und tiefer Enttäuschung bei ›denen da unten‹ und von Kontrollverlust bei den Herrschenden, wie er sich nach 30 Jahren neoliberaler Globalisierung nicht nur in Frankreich manifestiert«.

Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (21. Januar 2019 um 10:12 Uhr)
    Ich würde mich sehr freuen, wenn solche Berichte wie dieser von Oxfam, auf die im Artikel Bezug genommen wird, auch verlinkt werden könnten. Oder ist das aus prinzipiellen Gründen nicht möglich?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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