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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Weißwurstwitze

Die neue S-Klasse

Ein Mann für die Leberkäs-Etage: Markus Söder wird CSU-Vorsitzender
Von Rüdiger Göbel
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War hier nicht irgendwo ein Grillfest? Markus Söder braucht ein Bierfass (hier beim Begutachten der von der Dürre 2018 verbrannten Erde)

An diesem Wochenende kommt die Christlich-Soziale Union zu einem Sonderparteitag in München zusammen. Der langjährige Vorsitzende Horst Seehofer gibt seinen Ausstand, Nachfolger im Amt wird Markus Söder. Die Wahl ist reine Formsache, offen ist einzig, ob die Delegierten den bayerischen Ministerpräsidenten mit mindestens 85 Prozent zum neuen Parteichef küren oder ob er sogar 90 Prozent schafft. Markus Söder ist dann am Ziel seiner Jugendträume, als er in seinem Zimmer ein Poster von Franz Josef Strauß über dem Bett hängen hatte. Als Ministerpräsident und Parteivorsitzender im Doppel gehört er endgültig zur »S-Klasse« der CSU – Strauß, Stoiber, Seehofer, Söder. Einziger Makel: Zu Zeiten seines Idols hatten die Christsozialen in Bayern Zustimmungswerte von an die 60 Prozent, bei Söder sind es nur noch gut 37. Und die CSU hat unter dem Neuen, welche Schmach, nach jahrzehntelanger Einparteienherrschaft einen Koalitionspartner an ihrer Seite.

Söder ist angetreten, das wieder zu korrigieren. Er will die Partei zu alter Stärke führen, sie dafür moderner machen, weiblicher. Sagt er. Vor allem will er Chef der Staatskanzlei bleiben, in der er quasi als erste Amtshandlung die alten Möbel seines Posterboys wieder hat aufstellen lassen.

»Mit unbedingtem Machtwillen, strategischem Blick und fleißigen Netzwerken hat Söder seinen Aufstieg gestaltet und alle Konkurrenten geschlagen«, schreiben Roman Deininger und Uwe Ritzer in »Markus Söder. Politik und Provokation«. In der penibel recherchierten und absolut lesenswerten Biographie erklären sie, was diesen Fast-zwei-Meter-Mann antreibt, was den aus kleinen Verhältnissen Kommenden geprägt hat und was von ihm zu erwarten ist. Söder treibt, erfährt der Leser, »an 365 Tagen im Jahr Politik, von morgens halb sechs bis Mitternacht«. Den »Immer-da-Söder« hätten sie den Franken schon in Junge-Union-Tagen genannt – er war einfach immer vor Ort, selbst bei der kleinsten Veranstaltung, wenn sie seinem Fortkommen diente. Aus Nürnberg kolportiert das Autorenduo diese Geschichte: »Der junge Wahlkämpfer Söder rief bei einem Kleingartenverein an, er habe da von einem Grillfest gehört. Ob er da nicht ein Fass anstechen könne? Die Kleingärtner meinten, das sei ein nettes Angebot, aber man habe beim Grillfest kein Fass. Söder sagte, er werde das Fass mitbringen.«

So schafft sich Söder Aufmerksamkeit bis heute. Er erreicht die »Leberkäs-Etage«, die »normalen Leute« im Bierzelt hinten, nicht nur die Honoratioren der Partei vorne. In Eitensheim bei Ingolstadt geht er vor seiner Rede noch auf die Toilette, »das ist relevant«. Vor dem Toilettenwagen kramt der Hüne so lange in der Hosentasche, »bis auch der letzte Beobachter mitbekommt, dass der Minister der Klofrau Trinkgeld gibt«. – »Schon hat man einiges über das Prinzip Söder gelernt: Er tut viel Gutes, wirklich. Er will aber auch gesehen werden dabei.«

Die beiden SZ-Journalisten sind genaue Beobachter. En passant liefern sie ein Sittengemälde der CSU, lassen in die Abgründe des Münchner und Berliner Politikbetriebs blicken. Tief und brutal.

Deininger und Ritzer haben ein ehrliches Buch geschrieben, keine Eloge. »Söder ist nicht wirklich beliebt, er ist eher geachtet und bisweilen gefürchtet«, heißt es da etwa. »Er befriedigt die Sehnsucht der CSU nach einem, der auch dann stehenbleibt, wenn es scharfen Gegenwind gibt. Der berechenbar ist, wenn auch auf seine ganz eigene Art.« Markus Söder sei »hochintelligent, aber kein Intellektueller«. Wie ist sein Aufstieg zu erklären? »Er spricht konsequent die sogenannten kleinen Leute an und schert sich um die großen einfach nicht. Er macht Politik für jene und nur für jene, die ihn wählen. Er macht Beute für Bayern und für niemanden sonst. So ist er der Unverhinderbare geworden in der CSU. Nicht einmal der vergleichbar wehrhafte Seehofer hat ihn aufhalten können, obwohl er es jahrelang fieberhaft versucht hat. Markus Söder ist an die Macht gekommen, weil er mehr wollte als jeder seiner Konkurrenten.«

So geht es munter weiter: »Markus Söder erkennt und bedient die Bedürfnisse der Wähler oft früher als andere – Bedürfnisse, aber auch Ressentiments. Er hat die Gabe, seine Standpunkte in einprägsamen Formeln zu verdichten. Er schaut stets auf den eigenen Nutzen, aber er bemüht sich um Kollateralnutzen fürs ganze Land. Er ist schmerzfrei, wenn es um billige PR geht und um krasse inhaltliche Vereinfachung (…). Er differenziert selbst da kaum, wo Differenzierung dringend nötig wäre, zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik.«

Der TV-Sender Phoenix überträgt die Söder-Inthronisierung an diesem Samstag in einer Live-Sondersendung. Geschlagene sechs Stunden lang. Schade nur, dass nicht Rolf Seelmann-Eggebert, der ARD-Adelsexperte, die Moderation der großen Krönungsmesse in der Kleinen Olympiahalle übernimmt.

Roman Deininger/Uwe Ritzer: Markus Söder. Politik und Provokation. Die Biographie. Droemer, München 2018, 384 Seiten, 19,99 Euro

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