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Aus: Ausgabe vom 18.01.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Kaum zu erkennen

Wo lässt sich der Fußball-Asien-Cup hierzulande gucken? Einige Versuche im Raum Köln
Von Glenn Jäger
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»Irgendwo muss das doch laufen« (Public Viewing in Gaza, 6.1., Syrien – Palästina 0:0)

Den Afrika-Cup gucken, wie schön das damals war: Beim alten Nachbarn aus Kamerun mitgefiebert, mitgelitten und nebenbei Ndolé gegessen, das Nationalgericht. Aber Asien-Cup? Auf kicker.de ist jedes Drittligaergebnis leichter zu finden. Für die Augsburger Allgemeine ist die Asienmeisterschaft in den Arabischen Emiraten etwas, mit dem »Hardcore-Fußball-Fans« die Winterpause überbrücken. Statt ohne Sky- oder DAZN-Abo allein mit Laptop in der Küche Begegnungen wie Oman – Turkmenistan zu »streamen« und dabei zu veröden, gehe ich raus: Irgendwo muss das doch laufen.

Erste Station: Falafel beim Libanesen in der Mittagspause in Köln. Die Auftaktspiele gingen daneben: 0:2 gegen Saudi-Arabien, 0:2 gegen Katar, gegen Nordkorea ging’s gestern um die Goldene Ananas. »Ihr habt aber wirklich ‘ne harte Gruppe«, sage ich. Das Stichwort »Asien-Cup« war goldrichtig, allein, die Antwort gab Rätsel auf: »Hast du unser Spiel gegen Vietnam gesehen?« Da schwant mir: Der »Libanese« ist Iraker, gemeint war jenes 3:2, bei dem Ali Adnan in der 90. Minute den Lucky Punch setzte. Wir verbleiben bis Mittwoch, 17 Uhr, Iran – Irak, Spitzenspiel der Gruppe D in Dubai.

Ein Freund in Bonn den hat nächsten Tip. Die Pizzabude in italienischen Farben bei ihm an der Ecke, die macht ein Syrer. Also gleich dahin. Man verspricht, am Dienstag nachmittag Al-Dschasira einzustellen. Gegen Australien muss ein Sieg her, um sicher weiterzukommen. Sonst müssten Kirgistan – Philippinen und Jemen – Vietnam unentschieden enden. Eine Nullnummer von Oman könnte auch weiterhelfen, so der Rechenschieber – vier Gruppendritte kommen weiter.

Bei »Alo Pizza« ist die Enttäuschung herb: Hussein kriegt Al-Dschasira nicht rein. Immerhin: Ab der 60. Minute, beim Stand von 2:1 für Australien, verfolgen wir die Partie auf einem Handy, unterbrochen durch telefonische Pizzabestellungen. So bekommen wir nicht mit, wie der Elfer in der 80. Minute zustande kam. Egal, Hauptsache drin, links unten, Al Somah verwandelt sicher zum 2:2. Danach hatte es nicht mehr ausgesehen, die Astralier hatten Räume, als wären sie ein Mann mehr auf dem Platz.

Als das Spiel dahinplätschert, durchfährt es mich plötzlich beim Blick auf den Bildschirmrand: Beoutq, ein Piratensender aus Saudi-Arabien. Q wie Qatar, wo es den Sender Be in Sports gibt, der Unsummen in TV-Rechte steckt. WM, Champions League, Premiere League – alles wird aus Riad angezapft und an der Pay-Kundschaft vorbei gezeigt. Das scheint politisch gewollt, Eigentumsrechte an der Satellitenübertragung weisen darauf hin. Die Blockade gegen Katar richtet sich auch gegen den Glanz, in dem sich der kleine Nachbar mit der WM 2022 sonnen will. Und die FIFA? Hält die Füße still, obwohl auch WM-Spiele betroffen waren. Aber schließlich ist man mit Saudi-Arabien im Geschäft, noch liegt die 25-Milliarden-Offerte zum Ausverkauf der FIFA auf dem Tisch.

Spätestens nach dem 2:2 bin ich wieder ganz auf dem Platz. Syrien drängt auf einen dritten Treffer. Trainer Bernd Stange bringt Al Midani (83.), läuft auf und ab, gestikuliert: Hier geht noch was. In der 86. und 87. Minute jeweils ein Volleyschuss aus der zweiten Reihe, an einem guten Tag ist einer davon drin. Schließlich die bittere 94. Minute: Die Abwehr ist aufgelöst, Tom Rogic von Celtic Glasgow kann sich bei seinem Treffer zum 3:2 die Ecke aussuchen. Sekunden später liegen die Syrer am Boden. Da sich parallel Palästina und Jordanien 0:0 trennen, ist jede rechnerische Chance dahin. Bernd Stange rauft sich die Haare, seine Jungs hatten mit viel Herz und Kampf gespielt. Hussein, der früher in Syrien aktiv gespielt hat, leidet mit und schüttet noch mal Tee nach. »Kommt wieder«, wird er noch sagen.

Am Mittwoch nachmittag also der Termin in Köln: Iran – Irak, Spiel um den Gruppensieg. Es herrscht reger Betrieb im »Home of Falafel«, drei Jungs frittieren, rollen, servieren. Sie winken mich gleich hinter die Theke. Dort haben sie, ich hätte es ahnen müssen – ein Handy aufgebaut. Nur kleiner als bei »Alo Pizza«, zudem für die Kundschaft unauffällig abgeschirmt und mit schlechtem Empfang. Im Irak, wird mir erklärt, seien gerade alle vor dem Bildschirm, da sei man fußballverrückter als sonstwo. »Und Bernd Stange? Der war doch auch mal bei euch.« – »Ja, der Trainer damals, guter Mann.« Aus welchen Landesteilen die Spieler kommen, will ich wissen. »Von überall«, ob »kurdisch oder arabisch, ganz egal, wir sind alle ein Land«. Der beste sei Ali Adnan von Atalanta Bergamo. Das Spiel geht auf und ab, doch so sehr sie das Smartphone auch in meine Richtung drehen, es ist kaum etwas zu erkennen. Ich frage nach dem Sender. Be in Sports aus Katar. Oder Beoutq, denke ich bei mir. Nach 45 Minuten steht es 0:0, dabei wird es bleiben. In der Pause verabschiede ich mich, zwischen Grill und Salat stehe ich doch etwas im Weg. Der Kaffee geht aufs Haus, wir verbleiben mit einer Verabredung zu den K.-o.-Spielen.

Meine nächste Station wird Bad Godesberg sein. Der Stadtteil im Bonner Süden ist als »Salafisten-Hochburg« bekannt. Ein Muss für die Partie Katar gegen Saudi-Arabien am Donnerstag (nach Redaktionsschluss), Be in Sports gegen Beoutq.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (18. Januar 2019 um 09:29 Uhr)
    Wie kann sich Bernd Stange, der Trainer der syrischen Nationalmannschaft, noch am Spielfeldrand die Haare raufen, nachdem er bereits ein paar Tage vorher, am 10. Januar nach der Niederlage gegen Jordanien, entlassen worden ist und Fajr Ibrahim ihn als Trainer ersetzt hat?

    Wen also hat der Autor dort am Spielfeldrand sich die Haare raufend gesehen?

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