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Aus: Ausgabe vom 17.01.2019, Seite 16 / Sport
Hallenhockey

Ecken üben

Die Männer vom Berliner Hockey-Club wollen deutscher Meister in der Halle werden – nach 1975 mal wieder
Von Oliver Rast
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»Ritsch«, »Plock«, »Ritsch«: Anton Ebeling (Nr. 21) und Tino Volkert (11) in Aktion gegen Sascha Rommel vom OHC

Dicht war der Spielplan: Ligaspiel acht, neun und zehn in nur fünf Tagen. Der Berliner Hockey-Club (BHC) trat am Mittwoch vergangener Woche bei den Stadtrivalen Zehlendorfer Wespen an, traf am Samstag in heimischer Halle auf DDR-Serienmeister Osternienburger HC (OHC) aus Sachsen-Anhalt und beendete am Sonntag die Gruppenphase in der Hallenhockeybundesliga Ost gegen den Tennisclub Blau-Weiß Berlin. Die Ergebnisse für den BHC: 3:3, 20:4 und 5:2.

Mit dem ersten Platz in der Staffel Ost, in der außer dem OHC nur Westberliner Teams vertreten sind, hat sich der BHC für das Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft qualifiziert. Er hat Heimrecht. Gegner ist am 19. Januar der Münchner SC (MSC), der Zweitplatzierte aus der Südstaffel. Das Final Four um den Titel findet am 27. Januar in Mülheim an der Ruhr statt.

Hallenhockeyspieler haben von Anfang Dezember bis Ende Januar Saison. Anstrengend sei das schon, sagt BHC-Trainer Rein van Eijk gelassen gegenüber jW: »Wir haben in dieser Hallensaison aber das Glück, eine der dominierenden Mannschaften zu sein.« Ein gutes Stellungsspiel reduziere den Kräfteverschleiß, »außerdem haben wir zwischen den Spielen wenig trainiert«. Der Niederländer trainiert die Männer vom BHC seit August 2017. Die Hälfte seines Lebens coacht er bereits, obwohl er erst 30 Jahre alt ist. »Mit 15 habe ich mein erstes Jugendteam geleitet; seit meinem 23. Lebensjahr bin ich hauptberuflich Trainer.«

Einst hielten die Spieler sich in der Halle nur während der frostigen Wintermonate fit. Seit einigen Jahrzehnten ist Hallenhockey eine eigenständige Disziplin mit nationalen Ligen und internationalen Turnieren wie Europa- und Weltmeisterschaften. Was unterscheidet das Hockey in der Halle von dem auf dem Feld? BHC-Stürmer Anton Ebeling (27) nennt auf Anhieb drei Schlagwörter: »Tempo, Torraumszenen, Wechselrhythmus.« Feldhockey sei die klassische Variante, die Halle aber eine attraktive Alternative, findet er. Beim sechs gegen sechs in der Halle darf der Ball nur beim Torschuss im Schusskreis hoch gespielt werden. Er wird nicht geschlagen oder geschlenzt, sondern geschoben. Gespielt wird an den Seitenlinien mit Bande. »Hallenhockey«, sagt Trainer van Eijk, »ist aufgrund der Enge des Spielfeldes durch das Defensivspiel geprägt«. Nach der Bedeutung des Treibens auf Parkett statt Kunstrasen gefragt, überlegt er kurz, sagt dann: »Im internationalen Vergleich ist ein Titel im Hallenhockey nirgends mehr wert als in Deutschland.«

Hockey ist ein Randsport. Das merken vor allem die Akteure. »Sponsoren hat der Klub, das ist natürlich gut, aber für die Spieler springt finanziell nichts raus«, sagt Tino Volkert (19), Youngster und Kapitän beim BHC. »Ehrenamt« nennt Ebeling seinen Leistungssport. Die Spieler sind meist Studenten mit Nebenjobs, die Unterstützung der Sporthilfe in Höhe von ein paar hundert Euro monatlich reicht für den Lebensunterhalt nicht aus. Für eine Anstellung bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr muss ein Spieler im Kader einer Nationalmannschaft sein – und bleiben. Ebeling war zwei Jahre lang Sportsoldat.

Jede Sportart hat typische Klänge. Beim Hallenhockey ist es das Hin-und-her-Geschiebe des Balls mit dem Schläger quer über das Parkett in der eigenen Abwehr. Passen (»Ritsch«), stoppen (»Plock«), passen (»Ritsch«), stoppen (»Plock«) – so wird beinahe jeder Angriff eingeleitet. Dass sich vor dem gegnerischen Tor eine Lücke auftut, kann manchmal dauern.

Das spärliche Hallenhockeypublikum ist fachkompetent und eher bürgerlich. Die Klubfans, meist aus dem näheren Umfeld der Spieler, sitzen getrennt auf der Tribüne. Vereinsfarben mischen sich also nicht. Der Torjubel ist verhalten. Jedenfalls bei normalen Bundesligapartien. Einen richtigen Torjubel gibt es nicht, allenfalls ein gedehntes »Jaaa!« mit zwei-, dreimaligem Händeklatschen.

Warum ist die Resonanz so bescheiden? Van Eijk: »Die Liga ist im Hallenhockey aufgebläht, zu viele Teams mit großem Leistungsgefälle.« Deshalb regt er an, »Super-Spieltage« mit den besten Teams an Wochenenden einzuführen. Das könnte Zuschauer und Medien anlocken.

Mit acht Siegen und zwei Unentschieden marschierte das Van-Eijk-Team souverän durch die Ost-Staffel. Das Manko: Die BHCer machen zu wenig aus Strafecken. »Ohne eine gute Ecke ist es schwer zu gewinnen«, weiß Volkert. Derzeit wird jede freie Minute zum Üben genutzt. Van Eijk begrüßt die Initiative für Treffsicherheit. Aber wird das gegen den Münchner Viertelfinalgegner reichen?»Der MSC ist ein gut eingespieltes Team, das auch in brenzligen Situationen nicht hektisch wird«, sagt der BHC-Coach. Und mit Felix Reuß habe der süddeutsche Klub einen Toptorwart. Nichtsdestotrotz: »Wir sind in der Lage, Meister zu werden.« Das wäre nicht das erste Mal, nur ist der letzte Triumph in der Halle schlappe 44 Jahre her.

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